Bruno Kreisky attackiert den ehemaligen Finanzminister Hannes Androsch

Hannes Androsch, Österreichs Ex-Finanzminister, Ex-Vizekanzler und jetzt Generaldirektor der größten österreichischen Bank, ist in Bedrängnis: In einer großangelegten Untersuchung wird geprüft, ob der ehemalige sozialistische Minister in seiner Amtszeit Steuern hinterzogen hat. Werden die Ermittlungsbeamten fündig, muß Androsch mit einem Strafverfahren rechnen. Außerdem droht ihm der Verlust seines Vorstandspostens bei der Creditanstalt-Bankverein, die zu sechzig Prozent dem Staat gehört. Erweist sich der Verdacht hingegen als falsch, gerät seine Partei ins Zwielicht: Denn die Kampagne gegen Androsch scheint ein Versuch einzelner Gruppen der Sozialistischen Partei Österreichs (SPÖ) zu sein, ihn endgültig politisch und persönlich zu vernichten. An der Spitze seiner Gegner steht Altbundeskanzler Bruno Kreisky, der den einstigen Schützling bitter bekämpft.

Die Steuerbeamten prüfen bei dem Privatmann Hannes Androsch die Umstände eines Villenkaufs vor neun Jahren. Androschs Schwiegervater Paul Schärf hatte den Kauf finanziert. Ein Nennonkel des Finanzministers, ein gewisser Gustav Steiner, hatte einen beträchtlichen Teil des Geldes vorgeschossen. Eigentümer des Hauses wurde Androschs Schwiegervater, doch der Finanzminister zog bereits damals in die Räume ein. Schon vor Jahren war dieser Umstand Journalisten suspekt erschienen. Die Steuerbehörde hatte – als Androsch noch Finanzminister war – ermittelt, jedoch ohne Ergebnis.

Im vergangenen Herbst aber – drei Jahre nach Androschs Amtszeit und kurz nachdem Bruno Kreisky die absolute Mehrheit im Parlament verloren hatte – wurde der Fall wieder hochgespielt. Auf geheimnisvolle Weise gelangte die Steuerakte Androsch aus dem Finanzministerium in die Redaktion des Wochenmagazins Profil und wurde erstmals veröffentlicht Finanzminister Herbert Solcher ließ darauf Anzeige gegen "Unbekannt" erstatten, um die Indiskretion aufzudecken. Die Akte enthielt – wie sich später herausstellte gefälschte – handschriftliche Vermerke, die Androschs ursprüngliche Darstellungen über den Villenkauf zweifelhaft machten. Salcher, ein Kreisky-Mann, ließ außerdem die Ermittlungen in Sachen Androsch wieder aufnehmen, "um endgültig Klarheit zu schaffen". Hannes Androsch wehrte sich: Das Verfahren sei "ohne rechtliche Basis", bereits abgeschlossen, und es gebe keine neuen Aspekte.

Doch er konnte die Untersuchungen nicht mehr stoppen. Profil druckt weiterhin die neuesten Ergebnisse: Auszüge aus Wertpapierkonten werden genannt, ebenso Zahlungen an Beteiligte im Fall Androsch – von Steuergeheimnis keine Spur. Profil berichtete sogar über die Vermögensverhältnisse des Nennonkels. Er habe nicht einmal genug Geld gehabt, um sich an dem Villenkauf zu beteiligen. Finanzminister Salcher schweigt zu den Enthüllungen, rätselt über die Informationsquellen von Profil und will im übrigen dem Ergebnis der Untersuchungen "nicht vorgreifen".

Jahrelang war Androsch, der neben seinem Ministeramt an einer Steuerberatungskanzlei beteiligt blieb, immer wieder an den Rand von Verdächtigungen geraten: Er würde Politik zu sehr mit seinen eigenen Geschäften verknüpfen, hieß es. Die Vorwürfe führten zwar nie zu handfesten Beweisen, aber zum Rückzug Androschs aus der Regierung. Die meisten SPD-Genossen hielten damit die Sache für erledigt.

Nun aber scheint Kreisky alles riskieren zu wollen, um seinen einstigen politischen Ziehsohn zu vernichten. Er prägte das Wort vom "miesen Charakter" des Hannes Androsch und ließ in Interviews durchblicken, daß es vielleicht doch nicht richtig war, Androsch zum Chef der größten Bank zu machen. Je mehr sich der Altbundeskanzler von seiner Nierentransplantation erholt, desto verbissener wird sein Kampf gegen seinen ehemaligen Finanzminister. "Sein letzter Wille", so Kreisky in einem Interview, sei es, die Partei darin anzuleiten, daß die Sache Androsch nicht nur juristisch zu sehen sei. Selbst wenn Androsch nach dem Gesetz unschuldig sein sollte, gebe es in der Sache einen "moralischen approach". Lebensstil und Einstellung Androschs, so Kreisky, seien einer sozialistischen Partei nicht würdig. Einzelne Genossen verlangten ein "Ehrengericht".