Von Karl-Heinz Wocker

London, im Juli

Die Tage, da sie auf den Stufen von Downing Street stehend das fragende Presse-Volk mit der Bemerkung abwimmelte, sie sollten doch lieber einfach jubeln ("just rejoice") – jubeln über ihre, Margaret Thatchers, Erfolge, die sind vorbei. Bangigkeit beschleicht die Hinterbänkler ihrer Mammutfraktion: Ist die Zeit der Erfolge zu Ende? Man hört kaum mehr hin, wenn jemand behauptet, er habe es schon immer geahnt. Plötzlich wollen es alle geahnt haben, daß selbst der besten Lokomotive mal der Dampf ausgeht. Pech für die jungen deutschen Unternehmer, die ausgerechnet in der Zeit von Maggys Energie-Knappheit nach London reisten und ihr zum Zeichen der Bewunderung für ihre "vorbildliche Politik" das Modell einer Dampfmaschine überreichten.

Denn trotz der scheinbar unbeschränkten Machtfülle der Premierministerin läuft alles schief, nichts will mehr gelingen. Margaret Thatcher, fünf Jahre und fünf Wochen an der Spitze, schliddert auf wahren Bergen von Bananenschalen zu Tal. Mühsam mußte sie den Kompromiß im hochgemut begonnenen Kampf um die Euro-Rückzahlungen als "gut für Großbritannien" frisieren. Das Oberhaus bringt ihr eine Abstimmungsniederlage bei, weil die Lords finden, man dürfe in sieben Ballungszentren die gewählten Kommunal-Gremien, die Frau Thatcher abschaffen will, nicht einmal vorübergehend durch oktroyierte Statthalter der eigenen Partei ersetzen. Indiskretionen aus dem zentralen Beamtenapparat enthüllen, daß die Premierministerin keineswegs die behauptete Zurückhaltung im Bergleutestreik übt. Vielmehr befiehlt sie, den Eisenbahnern unerwartet viel Lohn draufzulegen, damit sie stillhalten, wenn Arthur Scargill, der Danton der Kumpel, in Anspielung auf den Falkland-Krieg auch General Scargillieri genannt, seine pathetischen Aufrufe zur Solidarität erläßt. Noch peinlicher wirkt der Verbuch der Regierung, die links-militanten Liverpooler Stadtväter durch eine gegen den Geist des Thatcherismus verstoßende Kreditspritze davon abzuhalten, die Kommunalkasse in einen provokativen Bankrott zu steuern. Aber sie schreckt davor zurück, die ausgepowerte Großgemeinde der Toxteth-Unruhen von London aus als Notstandsgebiet regieren zu müssen.

Noch schlimmer: Überall dort, wo Margaret Thatcher ihren besonderen Ehrgeiz investiert hat, hagelt es Mißerfolge. Ihre Finanzpolitik liegt in Trümmern. Die Staatsverschuldung will und will nicht weichen, der Geldumlauf steigt und steigt. Im Juni war die Zuwachsrate der von Banken und Sparkassen gewährten Kredite doppelt so hoch wie der Finanzminister sich vorgestellt hatte. Der Verdacht, die Regierung "drucke Banknoten", hat zum plötzlichen Druck auf das Pfund Sterling sicher ebenso beigetragen wie der Doppelstreik der Bergleute und der Hafenarbeiter. Daß der Bankzins über Nacht um zwei Prozent stieg und prompt die Hausbesitzer ihre monatlichen Hypothekenzahlungen um schmerzhafte Beträge aufstocken mußten, das war ebenfalls nicht vorgesehen.

Die vielfach versprochenen neuen Steuersenkungen müssen verschoben werden. Wirtschaftswissenschaftler rechnen der Regierung vor, vor allem das weltweite Mißtrauen gegen die anhaltend schlechte britische Exportbilanz habe zum Währungseinbruch beigetragen. Die gestiegene Produktivität sei nur durch Entlassungen erreicht worden, nicht durch Modernisierung: Jetzt arbeiten einfach weniger Menschen an den gleichen alten Maschinen. Denn alle Gewinne wurden im Ausland investiert, nicht daheim.

Und nun hat ein Oberster Richter der Regierungschefin vorgehalten, sie habe den Angestellten der nachrichtendienstlichen Abhörzentrale von Cheltenham – in schönem Amtsenglisch "Kommunikationszentrum" genannt – den Beitritt zur Gewerkschaft zu Unrecht untersagt. Passend zu ihrem Solo auf den Bananenschalen heißt der Richter auch noch Ian Glidewell, ein Schotte. Guten Rutsch ins sechste Amtsjahr. Noch nie, so kommentierte David Owen, Chef der Sozialdemokraten und immer mit einem zitatwürdigen Ausspruch bei der Hand, noch nie sei ein amtierender britischer Premierminister rechtskräftig verurteilt worden.