Ein Buch ragt aus der Widerstandsliteratur dieses Gedenkjahres hervor. Verleger Günther Neske, im Krieg Ordonanzoffizier des Verschwörergenerals Olbricht, hatte den Einfall, Politiker, Theologen, Schriftsteller, Publizisten, vor allem aber jüngere Zeitgenossen zu fragen, was ihnen der 20. Juli 1944 noch zu sagen hat. Das Ergebnis,

"Der 20. Juli 1944. Annäherungen an den geschichtlichen Augenblick"; herausgegeben von Rüdiger von Voss und Günther Neske, Pfullingen 1984; 254 S., 28,– DM,

überrascht durch die Vielfalt feinsinniger Urteile, kritischer Fragen, unerwarteter Bekenntnisse auch, mehr noch durch den Freimut, mit dem junge Menschen an Tabus rühren, die bislang allenfalls in radikalen Blättchen in Frage gestellt wurden.

Mit dem Vorrecht seiner zwanzig Jahre, Kata-Strophen hier und heute auszumachen, entdeckt einer, nicht unwidersprochen, Parallelen zwischen dem Opfertod Staufenbergs und dem Tod der Terroristen is Stammheim. Da wird nicht so einfach wie in den üblichen Gedenkreden Gewalt gerechtfertigt (Stauffenberg mußte ja nicht nur den Tyrannen, sondern Kameraden töten, um Deutschland zu retten) da wird die Praxis verurteilt, Bundeswehrkasernen mit den Namen jener zu schmücken, die den Krieg beenden wollten; da wird überhaupt nach dem Nutzen des Aufstands gefragt. Ein Jungregisseur wagt sich sogar an eine Satire, und assoziiert unbekümmert James Dean mit Stauffenberg und Fritz Teufel ("Es gibt keine Helden, außer eben in der Sphäre der Mythen").

Die Politiker konnten zumeist der Versuchung nicht widerstehen, das im Grundgesetz verankerte Widerstandsrecht gegen die neuen Protestbewegungen abzusichern. Aber weder formaljuristische Kriterien noch ideologische Erbpachtansprüche, imponieren der jüngeren Generation. Lehren aus dem 20. Juli? Wenn sie überhaupt akzeptiert werden, dann mit der Formel, "daß man gegen die Staatsmacht angehen kann, wenn es die Überzeugung verlangt. Und wenn man bereit ist, dafür zu bezahlen." Knapper kann man’s keinem Widerständler unserer Tage ins Stammbuch schreiben.

Unverhofft auch das Bekenntnis aus jungem Munde zu den Ideen des Kreisauer Kreises, die angesichts von Parteienverdrossenheit und Behördenwillkür wieder an Glanz gewinnen. Demokratie ohne Berufspolitiker? Überschaubarkeit der Willensbildung? "Da kann einen schon Sehnsucht packen."

Augenzeugen oder Mitbeteiligte spiegeln die Widerstandsbewegung durch neue Facetten: Eine Berliner Jüdin schildert, wie sie von Regimegegnern gerettet wurde, die ihretwegen das eigene Leben riskierten; ein Freund Staufenbergs reflektiert über die Unmöglichkeit, Hitler zu töten ("Es war, als ob die Hölle oder... das vorbestimmte Schicksal, die Moira, Hitler, diesen ‚großen Vollstrecker des Bösen‘ beschützte"); der katholisch-Sozial motivierte Rheinische Kreis und der um Goerdeler sich scharende Freiburger Kreis von Wissenschaftlern gewinnen an Konturen.