Von Klaus Viedebantt

Wenn Wirtschaftskapitäne von "Phänomenen" reden, meinen sie entweder ihnen unerklärliche Verluste im eigenen Unternehmen oder sie wollen dezent auf die "phänomenalen Erfolge" hinweisen, die ihre Firma erzielte. Als Hapag-Lloyd jetzt einige Journalisten auf ihr Flaggschiff einlud, verband sie dies mit der Bitte, dem "Phänomen MS Europa" nachzuspüren.

Vor einer Reihe von Monaten bat die Hadag-Reederei auf die MS "Astor", damals operierte der Dampfer tief in den roten Zahlen, wenig später wurde die deutsche Flagge am Heck eingeholt und die "schmucke Hamburgerin" nach Südafrika verkauft. Die "Astor" konnte sich am deutschen Markt nicht durchsetzen. Einige Wochen nach dem "Astor"-Verkauf ging die neue "Europa" auf ihre erste Weltreise. Das Schiff war vom Stapellauf an ein Erfolg und hinterläßt seit zwei Jahren eine tiefschwarze Kielspur in der ansonsten roten Konzernbilanz der Hapag-Lloyd AG. Warum?

Die MS "Europa" ist ein schmuckes Schiff, aber das sind ihre Konkurrentinnen in der maritimen Luxusklasse, die "Vistafjord", die "Sagafjord" und die drei Cruiser der Royal Viking Line, auch. Die Hapag-Lloyd-Reederei hat ein kreuzfahrterfahrenes Management – aber dennoch fuhr die alte "Europa" zeitweilig stattliche Verluste ein. An Bord des neuen Bremer Weltstars stimmt das Verhältnis von Preis und Leistung aber das gilt für viele andere Musikdampfer auch. Ganz erklärlich ist weder dem landgestützten Management noch den Ressortchefs auf See daher das "Phänomen Europa", das mit Auslastungsquoten von über 80 Prozent fleißig Geld verdient. "Es ist ein ganz und gar deutsches Schiff", sagen sie einhellig, um zu erklären, was sich jenseits von Marketing und Management-Control nicht mehr erklären läßt beim Drang der wohlbetuchten Deutschen auf das Schiff. Am deutschen Wesen ist, so scheint es, zumindest die "Europa" genesen.

*

In diesen Wochen verschwindet in Südnorwegen die Sonne um Mitternacht kaum hinter dem Horizont. Der Himmel ist zartrosa überzogen wie ein wertvolles Chippendale-Sofa. Die Berge und Inselchen beiderseits der Fahrrinne durch den Fjord stehen wie verhuschte Scherenschnitte dagegen. Mit gedrosselter Fahrt schiebt sich der weiße Kiel behutsam durch diese Szenerie aus Tag und Traum – ausgebreitet auf dem 180-Grad-Panorama im "Club Belvedere". Der Salon, das schönste, was ein Schiff in dieser Art derzeit zu bieten hat, liegt noch über der Kommandobrücke, ist rundum verglast, als klangvoller Mittelpunkt dient ein weißer Flügel. Hier finden die klassischen Konzerte statt, die auf Kreuzfahrten so unverzichtbar sind wie Bouillon am Vormittag und Kuchen zur Kaffeestunde.

Der "Belvedere" ist das augenfälligste Beispiel für den Stil der "neuen Europa", eine Inneneinrichtung in vorzugsweise cremefarbenen und hellbraunen Farbtönen. Wilfried Köhnemann, der Innenarchitekt aller Salons auf der "Europa", erhielt zwar für diese elegante Arbeit eine verdiente Auszeichnung, aber dennoch sahen die Bremer Kassenwarte vor der Jungfernfahrt Anfang 1982 besorgt in die Zukunft: Würden die Passagiere, überwiegend Menschen jenseits der Lebensmitte, diese "neumodische Ausstattung" akzeptieren? Würden die fürs Geschäft so wichtigen Stammgäste, von der alten "Europa" an die nautische Kombination von Edelholz und Messing gewöhnt, auch der Nachfolgerin in Beige treu bleioen?