Sie blieben, auch wenn die Rechnung Köhnemanns nicht aufging. Er hatte gehofft, daß die fröhlichen Passagiere alle nötigen Farben in seine stilvolle Dezenz tragen würden. Auf einem amerikanischen Schiff wäre es auch so gekommen. Aber nicht auf einem deutschen. Die Klientel schätzt auch im Freizeitdreß die unauffälligen Pastelltöne; selbst abends, wenn man sich auf See "landfein" macht, trägt man gedeckte Farben, egal, ob der Rock um die Hüften oder die Schultern getragen wird. Da unterscheidet sich die kapitalkräftige Kreuzfahrt-Klientel kaum vom Buchhalter im österreichischen Ferienquartier, beide bevorzugen wohlgebügelte, pieksaubere Popeline-Windjacken zur Freizeitgestaltung.

Bei der Ausfahrt von Bergen, berüchtigt als "Europas Regenloch", strahlt die Sonne über der "Europa". Der Viermaster "Staatsraad Lehmkuhl", wie der Luxusliner auf einer Bremer Werft entstanden, kehrt zurück von einer Kaffeefahrt. Zwei Epochen der Seefahrtsgeschichte grüßen sich respektvoll mit dröhnenden Nebelhörnern – große Minuten für Kodak, Agfa & Co.

Meine Nachbarn legen sich wieder zurück in den Liegestühlen. Er blättert kurz und lustlos in der Times, die beide vom Landgang mitbrachten: "Schade, daß es keine deutschen Zeitungen gab." Wir kommen ins Gespräch. Er ist Mitte vierzig, sie schätzungsweise noch in den Dreißigern; er ist leitender Angestellter in einem chemischen Unternehmen und hat öfter mal im Ausland zu tun. Natürlich spricht er Englisch, er muß ja Verhandlungen in dieser Sprache führen. "Aber im Urlaub will ich mich nicht auf eine Fremdsprache konzentrieren, will mich nicht dem Spott meiner Mitreisenden aussetzen, wenn ich mal ein falsches Wort sage", gesteht er freimütig ein. Das Ehepaar fühlt sich wohl an Bord, wo Deutsch konsequent die einzige Bordsprache ist, auch wenn die Beschilderungen zweisprachig sind. Aber alle Programme, alles Schriftliche, alles Mündliche ist auf Deutsch. Das gibt’s auf keinem anderen Dampfer dieser Klasse. Eine Lücke auf einem kleinen, aber potenten Markt.

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Die Nachbarn im Liegestuhl sind nicht typisch für die "Europa"-Kundschaft. Sie gehören zwar zu der Einkommensgruppe, die den Reisepreis ohne Kreditaufnahme bezahlen kann. Aber sie sind – statistisch gesehen – zu jung für Kreuzfahrten dieser Kategorie, selbst wenn man das niedrige Durchschnittsalter aller "Europa"-Passagiere, 51 Jahre, zum Maßstab nimmt. Diese Ziffer ist auf den meisten Schiffen nicht viel wert. Auf kurzen sommerlichen Kreuzfahrten in europäischen Gewässern sind mehr Familien und jüngere Passagiere an Bord als auf den winterlichen Touren an ferne sonnensichere Gestade. Ferientermine und geringe Kosten wegen kürzerer Anreise ermöglichen es auch Familien mit schulpflichtigen Kindern, in See zu stechen.

Aber mit den Fahrten in Nord- und Ostsee oder im Mittelmeer läßt sich ein teures Schiff (Tagescharterkosten 300 000 Mark) nicht profitabel fuhren. Die Gewinn- und Verlustrechnung entscheidet sich in den Wintermonaten, wenn es gilt, 600 Passagiere um den halben Erdball herumzulocken. "Das sind in erster Linie ältere Leute", bestätigt Dirk H. Penner, Verkaufschef für das Schiff, "wer hat denn die Zeit, dann ausgedehnte Reisen in dieser Preisklasse zu machen?" Daß relativ viele Frauen unter den "Europa"-Gästen sind, hat allerdings einen anderen Grund: "Wo sonst können sich Frauen so gleichberechtigt und so sicher im Urlaub bewegen wie auf einem guten Schiff?"

Ohne Frage, man kann sich auf der "Europa" schnell heimisch fühlen. Und Passagiere, die mit diesem Eindruck von Bord gehen, kommen wieder. Auf sie stützt sich die Kalkulation der Reeder. An den "Repeatern" muß sich aber auch die Leistung der rund 300 Mitarbeiter auf See (davon 240 im Hotel- und Restaurantbereich) messen – was nicht immer leicht ist mit einer sehr jungen Mannschaft.