Dabei scheint die Kundschaft gar nicht auf schieren Luxus auszugehen. Sie akzeptiert klaglos die billige Seife und den minderwertigen Badeschaum, die von der Reederei ausgelegt werden; sie lassen sich widerspruchslos aus dem Bordradio von Musikprogrammen berieseln, die bestenfalls Supermärkten ihren flüchtigen Besuchern zumuten; sie drängeln sich zu den teuren, dürftigen Landausflügen der Norweger.

Wichtiger als luxuriöse Prachtentfaltung ist ohnehin die Persönlichkeit der Stewardessen und Stewards, meist Deutsche und Österreicher. Mit ihrer fröhlichen Freundlichkeit geben sie den Gästen das gesuchte Gefühl umhegter Geborgenheit, ein Gefühl, das trinkgeldfreudig stimmt und so beiden Seiten dient. Die Stimmung an Bord der "Europa" ist, soweit man das nach einer Woche beurteilen kann, recht gut; sie hat sich spürbar verbessert, nachdem die Bremer dem Vorbild der norwegischen Linien folgten und vermehrt Frauen anheuerten. Seit sich weiblicher Liebreiz in den Mannschaftsquartieren entfalten kann, hat die Angst alter Teerjacken, wonach Frauen an Bord Unglück bringen, ihren verdienten Platz im Museum des Aberglaubens gefunden.

Die Tresen sind aber noch fest in maskuliner Hand, es mischt sich keine Tenderin unter die Tender in den fünf Bars. Hier tun sich einige der Zapfer und Mixer noch etwas schwerer als die erfreulich lockeren Stewardessen und Stewards im Restaurant und in den Kabinen – Nachwirkungen einer Tabula rasa, die zum Nutzen der Reederei im Schatten des "Astor"-Wirbels stattfand. Damals wurde publik, daß die Bar-Besatzungen der "Europa" ihren Kunden die teuren Nobeldrinks mit billigem Sprit streckten und dabei – trotz geringer Getränkepreise – ordentlich Privatkasse machten. Alle Übeltäter bekamen den Laufpaß. Mancher Gast vermißt heute seinen gewohnten Bartender. "Er war vielleicht ein Sünder, aber so charmant", erinnerte sich eine Stammkundin. Tags darauf beschwerte sie sich über einen nicht flink genug abgeräumten Bartisch. Sie vermißte die deutsche Effizienz und Gründlichkeit.

Gut 500 Mark je Tag und Kopf setzt man allgemein als Satz für Kreuzfahrten der Luxusklasse an. Auf der "Europa" liegt der durchschnittliche Tagessatz bei 537 Mark, im nächsten Jahr wird er auf 560 Mark steigen. Preisstabilität ist das Gebot der Branche. Wer mit diesem teuren und hoch-

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wenigen Produkt handelt, muß seiner Kundschaft die Garantie bieten, nicht mit Discountpreisen gegen Buchungsflauten anzugehen. Das hatten die "Astor"-Leute in ihrer Panik versucht. Sie karrten zu Billigpreisen Bustouristen auf das Schiff mit dem Nobelanspruch. Wer teure Kreuzfahrtpassagen bucht, kauft – mehr als bei jeder anderen Reiseart – einen Prestigewert ein. Dieses Prestige bröckelt aber, wenn mit Preisnachlässen eine "Rabatt-Klientel" aufs Schiff kommt, unabhängig von deren Einkommensklasse. Deshalb beobachten die Hapag-Lloyd-Manager mit Argwohn, wie für die "Vistafjord" neuerdings Preisabschläge für Frühbucher gewährt werden.

Der Passagepreis ist zwar nicht unwichtig, aber doch von sekundärer Bedeutung, wenn die Qualität des Angebotes stimmt. Das ist zumindest die Erfahrung der Bremer. "Wir kennen die finanzielle Grenze nicht, die unsere Gäste für einen ‚Europa‘-Törn ausgeben", gestand ein Reedereisprecher verstohlen. Kommentar eines Managers: "An Geld mangelt es in Deutschland nicht. Man muß nur etwas Außergewöhnliches bieten." Das Außerordentliche an diesem Schiff ist phänomenal: Es ist typisch deutsch und zugleich internationale Spitzenklasse.