Deutschland: Nach Streiks und Regen freie Betten

Recht unterschiedlich beurteilen Fremdenverkehrsexperten die Auswirkungen der Streiks auf den Urlaub in Deutschland. Eins steht dabei inzwischen schon fest: Ein "Jahrhundertsommer" wird es für die hiesigen Ferienregionen nicht mehr werden.

Wer nicht gerade in einem Modeurlaubsort etwas ganz Spezielles sucht, kann seinen Urlaub im eigenen Land noch problemlos buchen. In der Hochsaison und erst recht in der Nachsaison sind von den Küsten bis zu den Alpen noch reichlich Hotelzimmer, Pensionen und – in etwas geringerem Maße – Ferienwohnungen frei. "Urlaub in Deutschland" ist auch in diesem Jahr kein Renner, 1984 sogar noch weniger als in den Jahren zuvor. Inzwischen haben sich Experten bereits auf die Suche nach plausiblen Erklärungen für den zu erwartenden neuerlichen Gästerückgang in den deutschen Landen gemacht. An erster und zweiter Stelle werden zur Zeit die Arbeitskämpfe und das schlechte Wetter genannt.

Für Marco Graf von Schlippenbach, den Geschäftsführer des Deutschen Fremdenverkehrsverbandes (DFV), sind eindeutig die Arbeitskämpfe schuld an der Buchungsmisere. "Mit unsicherem Wetter", sagt er, "rechnen unsere Kunden. Die Streiks haben dagegen die Leute verunsichert." Gerade in der Hauptbuchungszeit, die bei Urlaub in Deutschland erst kurz vor Ferienbeginn liegt, seien die Auswirkungen gravierend gewesen.

Am schlimmsten vom Streik geschädigt erscheinen die Ferienorte im Bayerischen Wald. Ostbayerns Fremdenverkehrsdirektor Klemens Unger versichert: "Wir spüren die Rückgänge. Noch niemals war unsere Buchungssituation so unbefriedigend wie jetzt. Bereits gebuchter Urlaub wurde abgesagt. Seine Region sei deshalb so sehr betroffen, meint Unger, weil viele ehemalige Stammgäste aus den Streikzentren kommen. Außerdem ist der Bayerische Wald auf Grund seiner preiswerten Angebote ein Ferienziel gerade für Verbraucher, die auf Mark und Pfennig achten müssen.

"Aufgeatmet" hat hingegen Manfred Kröniger vom Fremdenverkehrsverband für München und Oberbayern: "Die Streiks wurden genau zum richtigen Zeitpunkt beendet. " Viele Gäste hätten zwar ihre Buchung lange hinausgezögert, doch seit der Wetter-Wende und nach Beginn der Ferien in Nord rhein-Westfalen konnten sich Oberbayerns Bettenvermieter vor Anfragen kaum noch retten. Kröniger glaubt: "Viele, die im Frühsommer ihren Urlaub verschoben haben, werden ihn im Herbst nachholen."

Von zwar nicht gravierenden, aber doch spürbaren Auswirkungen der Arbeitskämpfe auf den Fremdenverkehr sprechen die Verbandsoberen in Hessen, Rheinland-Pfalz und aus den Küstenregionen. "Hessen hat Platz", versichert Hannsgünter Hannwacker vom Landesverkehrsverband und nennt gleich mehrere Gründe: "Das lange Zeit schlechte Wetter und die kaum verbesserte Wirtschaftslage, die durch die Streiks zugespitzt wurde." In Rheinland-Pfalz war in den letzten Monaten insbesondere der dort so wichtige Tages- und Wochenendausflugsverkehr spürbar rückläufig.

Auch in die meisten Orte an den Küsten Von Nord- und Ostsee kamen während der vergangenen Regenwochen weniger Wochenendausflügler als erhofft. Doch die Langzeit-Feriengäste buchten ungefähr so zahlreich wie 1983, das für die Badeorte immerhin ein sehr gutes Jahr war. Klaus Gartzke vom Fremdenverkehrsverband Schleswig-Holstein: "Die Streiks hatten bei uns keine gravierenden Folgen. Möglicherweise", schränkt er ein, "profitiert das Hinterland in diesem Jahr nicht so stark von der Überfüllung der Badeorte wie im Vorjahr."

Deutschland: Nach Streiks und Regen freie Betten

Keine Auswirkungen der Arbeitskämpfe auf das Urlaubsgeschäft werden im Schwarzwald und im Rheinland erwartet. "Dem Schwarzwald", so Verbandsdirektor Otto Zumkeller, "bleiben die Stammgäste treu." Kein Wunder, die meisten sind im Rentenalter. Für Dieter Decken vom Fremdenverkehrsverband Rheinland war das kalte Regenwetter sogar schlimmer als jeder Streik. "Es hielt die Ausflügler aus den Nachbarländern ab", sagt er.

Bereits im letzten Jahr haben die ausländischen Urlauber das Geschäft in den deutschen Fremdenverkehrsgebieten halbwegs gerettet. Sie kamen um 3,5 Prozent zahlreicher, während wiederum 3,4 Prozent weniger Deutsche Urlaub im eigenen Land machten.

Über Ostern 1984 waren die Hoteliers und Gastwirte zwar zufrieden wie selten zuvor. Aber im Mai setzte mit dem Regen ein rückläufiger Trend ein, der über Pfingsten andauerte und zumindest in einigen Ferienregionen immer noch anhält. Insgesamt können die Fremdenverkehrsämter froh sein, wenn sie die nicht berauschenden Ergebnisse aus 1983 wieder erreichen.

Statt flexibel auf neue Situationen zu reagieren, wird allenthalben nach Entschuldigungen gesucht. Lediglich die Bayern haben konkrete Pläne, wie sie die Lage nach den Streiks auch für das Fremdenverkehrsgeschäft sogar nutzen können. "Neben denen, die ganz zu Hause bleiben, dürfte es jetzt auch eine Menge Leute geben, die sich zwar keine lange Auslandsreise mehr leisten können, aber vielleicht einen Urlaub in Bayern", hofft Günter Stopperich, der Geschäftsführer des Landesfremdenverkehrsverbandes. Er will in den nächsten Wochen gezielte Werbeaktionen in den Gebieten starten, in denen am meisten gestreikt wurde. Willi Bremkes