Im Sommer 1955, 22 Jahre seit Hitlers Machtergreifung, zehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches, erschien "Die Auflösung der Weimarer Republik. Eine Studie zum Problem des Machtverfalls der Demokratie". Der Verfasser, Karl Dietrich Bracher, 1922 geboren, Assistent am Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin, hatte die Erste Republik bewußt nicht mehr erlebt. Als nachträglicher Beobachter war er ausschließlich auf Quellen, Darstellungen und Memoiren angewiesen. In alter Geschichte hatte er promoviert ("Das Dekadenzproblem in der Antike"). Erstaunlich und ungewöhnlich war dieser Wechsel von der alten Geschichte zur Wissenschaft von der Politik. Aber für die gerade sich installierende Disziplin in Deutschland waren damals befähigte Nachwuchskräfte sehr begehrt. Drei Jahre war Bracher in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, was nicht ohne Einfluß auf ihn geblieben ist. Bedeutender noch war der einjährige Studienaufenthalt an der Harvard-Universität, in der er unmittelbar den Weg zur angelsächsischen traditionellen political science fand. Damals galt noch als grundlegende Fragestellung der Politikwissenschaft, bis heute ein umkämpfter Begriff, das Problem der Erringung, der Erhaltung, des Abbaus und des Verlustes politischer Macht.

Bracher sieht "in der Weimarer Republik", wie er in seinem Vorwort schreibt, "ein in bestimmten Grenzen typisches Modell" für dieses Problem..., "in der Tat bieten wenige geschichtliche Perioden ein Bild, das so scharf umgrenzt, in seinen Bestandteilen so anatomisch deutlich, in seinem dynamischen Ablauf so stufenweise verfolgbar und in der schließlichen Verkettung zahlreicher Umstände zu einem Epochenereignis so eindringlich konsequent erschiene".

Das Werk gliedert sich, in einen vorwiegend struktur-soziologischen Teil, "Probleme der Machtstruktur", und einen vorwiegend historischen Teil, "Stufen der Auflösung". Die Anlage ist wohlbegründet. Voraussetzung für das Verständnis der Ereignisse seit 1930, die Entscheidungen der agierenden Personen, mehr oder minder abhängig von den gesellschaftlichen Bedingungen und zumindest zu diesen orientiert, ist eine gründliche, umfassende und vollständige Strukturanalyse. Hier sind alle Elemente des politischen und gesellschaftlichen Machtkampfes in ihrer Problematik und Gegensätzlichkeit untersucht worden und die vielgestaltige Wirklichkeit anschaulich in einem klaren Begriffssystem eingefangen. Bracher zeigt mit aus intellektueller Redlichkeit bestimmten Distanz die die Republik stützenden und die entgegenwirkenden Kräfte auf.

Im zweiten Teil erzählt er, wieder zurückgreifend auf den ersten, das Geschehen, das zur Auflösung führt. Er setzt mit dem Rücktritt der letzten parlamentarischen Regierung, eines Kabinetts der großen Koalition unter dem sozialdemokratischen Reichskanzler Hermann Müller, im März 1930 und der Bildung des ersten Präsidialkabinetts unter dem Zentrumsabgeordneten Heinrich Brüning ein. Mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 schließt er.

Bracher sagt am Schluß des letzten Kapitels: "Die geschichtliche Entscheidung fiel in einem Augenblick und unter Bedingungen, die keine einfache Notwendigkeit begründet. Sie wurde durch eine Einzelaktion ausgelöst, die auf einer Fehlkalkulation grandiosen Stils beruhte." Das gilt nicht nur für den 30. Januar, als Hindenburg zum Verfassungsschein den Verfassungsfeind ernannte, sondern für eine Reihe von Weichenstellungen in dieser Zeit. Das Versagen verschweigt Bracher nicht und ebensowenig entschuldigt er es. Wer hat das Ende der Weimarer Republik herbeigeführt, "die destruktiven Elemente, die ihren Untergang wollten, oder die Ohnmacht und mangelnde Fähigkeit der Kräfte, die sie hatten gestalten können?" (Klaus Peter Schulz). Die Frage läßt Bracher offen. Eine gültige Antwort wird kaum gefunden werden können.

Mit peinlicher Akribie, ohne Dramatisierung erzählt Bracher das Drama, das zur Auflösung geführt hat, aber nicht hätte führen müssen. Er erfaßt den verwirrenden Komplex von Anlässen und Ursachen, löst die einzelnen Geschehen auf und verknüpft sie wieder zur Übersichtlichkeit. So zeigt er den Faden, der durch das Labyrinth führt. Es ist eine faszinierende Lektüre. Auf die Frage, wie konnte das deutsche Volk Hitler verfallen, gibt Bracher eine bis heute erschöpfende Antwort.

Das Werk wurde von den Rezensenten überwiegend mit großer Anerkennung, wenn nicht mit Enthusiasmus aufgenommen. Ein so kritischer Jurist und Politikwissenschaftler, der wegen seines kargen Lobes benannt war wie Ernst Fraenkel spricht von einer "glänzenden Monographie". Nach bald dreißig Jahren sagt Hagen Schulze in seiner vor kurzem erschienenen Geschichte der Weimarer Republik: "Das Buch... kann bis heute für sich in Anspruch nehmen, von keiner moderneren Arbeit abgelöst worden zu sein: ein klassisches Werk der Zeitgeschichte."