Szene eins: 3. Mai 1984, 1.30 Uhr. Der Fahrer einer Zeitungsvertriebsfirma braust vor dem Verlagsgebäude der Offenbach Post in eine Gruppe von Streikposten. Sechs der Kollegen werden verletzt. Vor der Polizei erklärt der Unglücksfahrer, ihm sei der Fuß von der Bremse gerutscht. Umstehende wollen gehört haben, wie er rief: "Ich fahr euch zusammen."

Szene zwei: 18. Mai 1984, gegen 23 Uhr. Vor dem Druckzentrum in Stuttgart-Möhringen wird der Bezirksvorsitzende der IG Druck, Horst Bekel, von einem Lastwagen überrollt und schwer verletzt. Bekel und die Streikposten wollten die Auslieferung der Zeitung verhindern. Ein Unfall, sagt die Polizei; Absicht, sagen die Streikposten.

Szene drei: 24. Juni 1984, 21.30 Uhr. Vor der Societätsdruckerei in Frankfurt soll ein Hubschrauber einen "Scheinangriff" gegen die protestierende Menschenmenge vor dem Betrieb geflogen haben. Zuvor hatte ein Helikopter in zwanzig Einsätzen eine Notausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus dem Hof der von Streikposten blockierten Druckerei geholt. Mit Luftballons, Drachen, Steinen und Bierflaschen versuchten die Streikenden, die Landungen zu verhindern.

Drei Beispiele – die schlimmsten – aus dem Arbeitskampf der Setzer und Drucker, der mit der Urabstimmung Mitte vergangener Woche nach dreizehn Wochen zu Ende ging. Szenen, geprägt von Haß und Erbitterung, Angst und Verzweiflung.

Erwin Ferlemann, der Chef der IG Druck und Papier, hat sich inzwischen von "bestimmten" Vorfällen während des Arbeitskampfes distanziert. Zugleich äußert er jedoch Verständnis für "den unwahrscheinlichen Frust der Kollegen", die Tag für Tag hätten zusehen müssen, wie von den bestreikten Zeitungsverlagen "kaum verringerte sogenannte Notausgaben" herausgebracht wurden.

In der Tat, aus einer ersten Übersicht des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger geht hervor, daß in fünfzehn Prozent der Fälle, in denen Zeitungshäuser bestreikt worden sind, die Blätter dennoch nahezu komplett erscheinen konnten. Und in immerhin 65 Prozent der Fälle sei es möglich gewesen, reduzierte Nummern oder wenigstens Notausgaben herzustellen. Nur zwanzig Prozent der bestreikten Zeitungshäuser mußten auf die Herausgabe ihres Blattes verzichten.

"Die neuen Redaktionssysteme", klagt Ferlemann, "sind die schlimmsten Streikbrecher." Sein Beispiel: Als die Rheinische Post schon 14 Tage bestreikt wurde, kam die Zeitung noch jeden Tag fast komplett auf den Markt.