Mit Innenohrprothesen koppeln Ärzte gehörlose Patienten wieder; an die akustische Umwelt an

Von Charlotte Kerner

Seit eineinhalb Jahren hört Christine M. nichts mehr. Die 29jährige ertaubte innerhalb eines Monats; vermutlich zerstörte ein entzündlicher Prozeß ihr Innenohr. Nun, nach 18 Monaten Stille, liegt die junge Frau im Untersuchungszimmer des St.-Marien-Hospitals in Düren-Birkesdorf. Ihr Mann hält ihre Hand und sagt langsam: "Wenn du etwas hörst, mußt du es sagen." Er wiederholt den Satz, bis seine Frau die Worte von den Lippen abgelesen hat und nickt.

Die Ärztin Adrienne Karczag dreht den Kopf des Patientin auf die rechte Seite und piekst vorsichtig eine Nadelelektrode durch das Trommelfell des linken Ohres bis auf die knöcherne Außenwand (Promontorium) der Schnecke. Durch die Elektrode schickt die Ärztin nacheinander verschiedene Stromarten mit unterschiedlichen Stärken und Frequenzen.

Christine M. meldet sich: "Ich kann das schwer definieren, es vibriert hell." Später hört sie unterschiedlich hohes und lautes Brummen oder Rauschen. Frau Karczag wiederholt den Promontoriumstest am rechten Ohr. Dabei notiert sie nach den Angaben der Patientin die Reizschwellen (weshalb die Untersuchung als subjektiver Test gilt). Ergebnis: Die junge Frau besitzt noch ausreichend funktionsfähige Hörnervenfasern. Sie kommt für ein "Cochlear-Implant" in Frage.

Eine solche Innenohrprothese hat Professor Paul Banfai bereits 85 Bundesbürgern zwischen acht und 50 Jahren eingesetzt. Der gebürtige Ungar leitet die Köln-Dürener Cochlear-Implant-Forschungsgruppe. Seine Hals-Nasen-Ohren (HNO)-Abteilung in Düren ist der Kölner Universitätsklinik angeschlossen. Seit der ersten Operation vor sechs Jahren bewarben sich 526 Menschen bei ihm. Aber nur rund ein Drittel eignete sich für den Eingriff: Cochlear-Implant-Patienten müssen bestimmte Bedingungen erfüllen.

Die internationale Kommission zur Rehabilitation von Ertaubten in Brüssel, kurz Biap, empfiehlt ein Cochlear-Implant nur bei vollständigem Hörverlust. Hörgeräte dürfen nachweislich nichts nützen. Der Hörnerv und die Hörzentren müssen intakt sein. Außerdem soll der Patient seit mindestens zwei Jahren ertaubt sein.