Von Georg Rosenthal

Trockene Ebenen, selten unterbrochen von einem Olivenbaum oder einer Steineiche, die in der kargen Umgebung wie ein Symbol verlorener Fruchtbarkeit wirken, säumen die Nationalstraße V von Madrid nach Cäceres.

Trujillo ist die erste Station unserer Reise durch die Provinz Extremadura im Westen Spaniens. Auf einem Berg gelegen, der einsam aus der Ebene ragt, ist die Stadt weithin sichtbar. Auf den römischen Stadtmauern bauten die Araber eine Burg, die außergewöhnlich gut erhalten ist. Sie wirkt wie ein Zeichen von Stärke und Unbesiegbarkeit und wurde vielleicht deshalb nie erneuert oder abgetragen. Unterhalb liegt die Neustadt, errichtet zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert von dem Gold der Eroberer, unter anderem dem Pizarros, der Peru unterwarf.

Die starken Mauern haben den von ihnen geschützten oberen Teil vor den letzten 400 Jahren Geschichte bewahrt. Eng sind die Straßen, die durch das Labyrinth eingeschossiger, weißgekalkter Häuser führen. Das Kopfsteinpflaster ist durch die Jahrhunderte poliert und glattgelaufen. Vor den Häusern sitzen Frauen, vertieft in einen Schwatz oder in Klöppelarbeit, ein Handwerk mit großer Tradition. Früher waren die hier produzierten Spitzen sogar in Flandern und Neapel gefragt. Wo sind die Männer? In Madrid, "sich das Leben verdienen", das Überleben.

Von der Mauer des arabischen Kastells herab zähle ich 13 Kirchen. Um die Iglesia de Santa Maria la Mayor y la Asunción, die wohl schönste unter ihnen, zu sehen, wenden wir uns an eine alte Frau, die der Kirche gegenüber wohnt. Sie verwaltet den Schlüssel und verdient sich dadurch ein geringes Zubrot. Sie öffnet, setzt sich auf die hinterste Bank und läßt den Besucher ungestört staunen. Das Gotteshaus wurde zwischen dem 13. und dem 16. Jahrhundert errichtet. Beeindruckend ist die filigrane Stützstruktur der Decke. Den Altar schmückt ein frühbarockes Retabel, das man ganz aus der Nähe anschauen kann.

Durch die Puerta de Santiago geht es auf einem ausgetretenen Weg hinab zur Neustadt. Beim Heraustreten auf die Plaza Mayor, das Herz der Stadt, erinnern nur die parkenden Autos daran, daß man doch in der Gegenwart lebt. Der Platz ist gesäumt von gebauten Dokumenten der trujillischen Eroberungsgeschichte. Im Konvent San Francisco ruhen die Überreste einiger Mitglieder der aus Trujillo stammenden Pizarro-Dynastie. Auf ein Klopfen an der riesigen Holztür öffnet eine Nonne, die durch das Gebäude führt. Ihre sicher ausgestreckte Hand beim Verlassen will sich nicht nur verabschieden. An den Ecken des Platzes stehen zwei Renaissancepaläste. Im Erdgeschoß des Palacio de la Conquista warten die trujillische Polizei und der Parkwächter, der jedem neu ankommenden Auto aufgeregt mit den Armen wedelnd einen Parkplatz zuweist und einen kleinen Stadtplan mit den wichtigsten Monumenten austeilt.

Die mittägliche Sommerhitze, die im Juli und August häufig 35 Grad erreicht, vertreibt zwischen ein und sechs Uhr alle: Siesta. Erst ab zehn Uhr abends beginnt sich der Platz erneut zu füllen. Die ganze Stadt scheint sich dort zu treffen. Orientalische Ruhe und Gelassenheit liegen über der Plaza. Leise klappern die Störche, die auf jedem Haus, jedem Turm ein Nest haben.