Von Thomas Kernert

Nicht nur Berufe und Titel haben ihr Sozialprestige – auch Orte. Ein Flughafen ist ein Ort höheren Sozialprestiges, wenn man so will. Für denjenigen, der nicht routinemäßig mit ihm in Berührung kommt, liegt ein gewisser Zauber auf den langen Glasfronten, den großen Eingängen mit automatischen Schiebetüren und den weiten und hohen Hallen. Die Namen fremder Städte flimmern auf Monitoren aus allen Ecken, freundliche junge Damen in eleganten dunkelblauen oder sportlichen hellblauen oder modischen roten Uniformen, dezent nach Chanel No. 5 duftend, sitzen an den mit Computerbildschirmen bestückten Schaltern der Fluggesellschaften, über Lautsprecher meldet eine Frauenstimme so sanft wie energisch, welcher Flug wann und wo stattfindet: please proceed to exit... à sortie ...

Ich lehne an der gläsernen Rückwand der großen Auslandsabflughalle; vor mir das gut fünfzig Meter lange Gepäckförderband, davor die Kette der Abfertigungsschalter der einzelnen Fluggesellschaften. Seit gut zwei Stunden stehe ich hier, beobachte die Fluggäste und werfe ein Auge auf die an mir vorüberziehenden Gepäckstücke auf dem Förderband. Sie müssen ordnungsgemäß auf dem Band liegen. Größere, sperrige Gegenstände – wie Fahrräder oder Skier – habe ich herunterzunehmen. Sie werden auf einen kleinen Elektrowagen umgepackt und direkt zum Flugzeug gebracht.

Die schon tiefstehende Abendsonne wirft ihre weichen Strahlen durch die oberste Fensterreihe in die stets belebte Halle; ein dichtes Gelb liegt auf allem. Jetzt haben die Schalter der Turkish Airlines nach Istanbul und der KLM nach Amsterdam mit der Abfertigung begonnen. Man kann sich keinen sinnfälligeren Nord-Süd-Kontrast vorstellen: die dunkelblauen und schwarzen Samsonite-Schalenkoffer nach Nordeuropa, die Bündel aus Bettüchern und die mit unzähligen Stricken zusammengehaltenen Pampers-Schachteln nach Kleinasien. Wenn man – wie ich – längere Zeit an diesem Band gestanden hat, fragt man sich, was man hier eigentlich verloren habe. An einem solchen Ort der geplanten Ruhelosigkeit, wo alles nach Aufbruch und Abschied schreit, hat man stundenlang mehr oder minder unbeweglich dazustehen und sich der Monotonie des Gepäckförderbandes auszusetzen. Doch das gehört zu den Aufgaben eines Hilfsarbeiters bei der Gepäckabfertigung des Flughafens München-Riem, Abteilung Innendienst, Abflughalle.

Meine Kollegen und ich, wir werden im stets zu dick auftragenden Flughafen-Jargon "Loader" genannt. Das meint: Wir haben uns um das Gepäck der Fluggäste zu kümmern. In unserer blauen Arbeiterkleidung machen wir keine allzu gute Figur. Keiner von uns riecht nach Chanel No. 5, und Fremdsprachenkenntnisse der meisten sind spärlich. An die große weite Welt fühlt sich bei unserem Anblick eigentlich niemand so recht erinnert. In einer Sphäre, wo der Schein die Wirklichkeit bestimmt, ist dies natürlich mit massiver Geringschätzung verbunden: In der Hierarchie der Flughafenbediensteten sind wir das Letzte. So kommt es nur selten vor, daß eine Bodenhosteß grüßt, und wenn sich ein feingewandeter Geschäftsmann an uns wendet, dann höchstens mit der Frage, wo denn hier die Toiletten seien.

Auch unter den Loadern gibt es eine Hackordnung: Da sind zunächst einmal die Schichtführer, dann kommen die Vorarbeiter, dann die normalen Stammarbeiter und zuletzt die teilzeitbeschäftigten Hilfsarbeiten In diesem Sinne kann ich mit gutem Grund behaupten, das Letzte vom Letzten zu sein. So stehe ich hier in der großen Auslandsabflughalle, an die gläserne Rückwand gelehnt, und lasse die Koffer Seesäcke und Farbfernsehgeräte an mir vorüberziehen ...

Nach einer Weile erscheint einer der Stammarbeiter, Karl, ein zahnloser, gutmütiger Fleischberg. Keuchend teilt er mir mit, der Schichtführer habe ihn geschickt, mich abzulösen. Ich solle in die Charterhalle kommen. Die Charterhalle hat ihre eigene, ganz besondere Note. Erwartungsvoll erregte Urlauber stehen sich hier zu Hunderten die Fußsohlen wund. Sie kommen aus Süddeutschland, Österreich und der Schweiz, warten auf ihren Charterflug. Ihre Köpfe sind gerötet, ihre Hemden verschwitzt.