Wenn er erklärte, worauf es ihm ankam, nahm er öfters die Arme zu Hilfe: Er beschrieb mit ihnen in der Luft eine imaginäre Linie und führte dann die Hände abrupt zusammen. Dabei blickte er einen durchdringend an, um sich zu vergewissern, ob man begriffen habe, daß diese Geste ausdrückte, was für ihn das Entscheidende war – spannungsgeladene Energie, deren Spuren seine Kunst im Raum nachzeichnete: ein Künstler, der völlig überzeugt war von dem, was er tat, und doch immer im Zweifel, ob er das nicht noch viel besser machen könnte. Er, der an das Leben glaubte (und an die Kunst), wollte nicht mehr weiterleben: Im Alter von 61 Jahren ist Norbert Kricke gestorben.

Er war 1922 geboren worden und gehörte zu jener Generation, die nach dem Krieg ganz neu anfangen konnte, unbelastet von dem, was vorher war, neugierig und offen für jedes Konzept, sofern es nicht ein Rezept enthielt. Er hatte bereits in seinen ersten Arbeiten das Thema präludiert, das ihn dann ein Leben lang beschäftigte: Er nannte die um 1950 entstandenen Plastiken – Miniaturen, verglichen mit den späteren monumentalen Werken – schlicht "Raumplastiken", und das waren Plastiken, die sich nicht nur im Raum ausdehnen, sondern auch – virtuell – im Raum bewegen. Diese frühen Arbeiten besitzen schon die bemerkenswerte Eigenschaft, die dann zu einem Kennzeichen Krickes wurde. Sie sind keine körperhaften Gebilde (stellen also insofern die Definition von Plastik auf den Kopf), sondern anschaulich konkretisierte Denk-Linien, die Abläufe in einem Raum-Zeit-Kontinuum sichtbar machen.

Um die Mitte der fünfziger Jahre entdeckte Kricke die Dynamik von Raumkurven: Verknotete oder ineinander verschlungene Stahlstäbe, die von einem Zentrum aus sich in den Raum ausdehnen, setzen Bewegungspotentiale frei, von denen die früheren Arbeiten nichts ahnen ließen. Das war Krickes barocke Phase, die sich in Großplastiken verwirklichte. Später hatte er dann formal einfachere, knappe und prägnante Figuren gefunden, die den Gedanken, der hinter der Gestaltung steckt, präzisieren, vom Betrachter aber auch ein Mitdenken verlangen.

"In der Plastik heißt Raum immer Freiheit. So frei, so selbstverständlich wie hier ist der Mensch gegenüber den Göttern und der Welt nie dargestellt worden." Diese Sätze, die sich auf den Poseidon vom Kap Artemision beziehen, enthalten Norbert Krickes künstlerisches Credo.

Helmut Schneider