Von Dietrich Strothmann

Jerusalem, im Juli

Gäbe es nicht die eine oder andere Entgleisung, die eine oder andere Absonderlichkeit – daß Israel, nur wenige Tage vor der Wahl zur elften Knesset, dem Parlament in Jerusalem, eine Entscheidung über seine Zukunft zu treffen hat, fiele kaum auf. Wahlkampf? Beinahe eine Nebensache. Meinungsstreit? Wie gehabt. Politische Auseinandersetzung? Sie findet, wie bei Nebel, im Saale statt, beinahe unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Die Parteirivalen fassen sich, wenn überhaupt, mit Glacehandschuhen an: Kein böses Wort von Jitzhak Schamir, dem noch amtierenden Ministerpräsidenten des regierenden Likud-Blocks, über Schimon Peres, seinen Herausforderer von der oppositionellen Arbeiterpartei.

Wie gesagt – wenn es nicht die wenigen, kaum ins Gewicht fallenden Ausnahmen gäbe. Etwa das Wahlplakat des Likud mit dem Konterfei Jassir Arafats und der Schlagzeile: "Hussein und Kreisky – auch sie sind für die Arbeiterpartei." Oder der Werbespot der rechtsextremistischen "Kach"-Bewegung, in dem ihr Anführer, der amerikanische Rabbiner Meir Kahane, den Arabern in den besetzten Gebieten unverhüllt droht: "Laßt mich nur mal an sie ran!" Kahane, wegen tätlicher Angriffe auf westjordanische Einwohner bereits zu Gefängnis verurteilt, und mit der Aussicht immerhin, als Spitzenkandidat seiner rassistischen Mini-Partei in die nächste Knesset zu kommen, darf seine Propaganda nicht wiederholen. Ein Richter, der die Parteiwerbung zu kontrollieren hat, verbot sie.

Wie er dem Fernsehen auch untersagte – dies eine der Absonderlichkeiten des israelischen Wahlkampfes –, das Gesicht Ephraim Katzirs zu zeigen, als dieser nach seiner Verhaftung durch den sowjetischen KGB in Leningrad interviewt wurde. Der Wissenschaftler und ehemalige Staatspräsident hatte an einer internationalen Konferenz in Moskau teilgenommen. Weil er sowjetische Juden traf, war er festgenommen und ausgewiesen worden. Da Katzir aber Kandidat auf der Liste der Arbeiterpartei ist, durfte während des Fernsehinterviews nur sein Bauch gezeigt werden. So streng sind die Wahlkampfsitten in Israel.

Sonst aber gibt diesmal der Wahlkampf nicht viel her. Er ist wie in der Versenkung verschwunden. War was? So werden sich am kommenden Montag, dem Wahltag, viele Israelis erstaunt fragen. Verglichen mit der letzten Stimmenjagd vor drei Jahren, beherrschen diesmal Langeweile, Interesselosigkeit, Resignation die Szene. Damals hatte noch ein einziger Mann den Ton angegeben und den Stil der Wahlschlacht bestimmt: Menachem Begin, den seine emphatischen Anhänger gleich zum "König von Israel" erhoben. Der ehemalige Regierungschef aber, der letzten September seinen Abschied genommen hatte, hält sich seitdem in seiner Wohnung verborgen, wirbt mit keinem Wort für seine Partei, erteilte nicht einmal einen Rat. Zum Nachteil seines Nachfolgers Schamir, der um seine Wiederwahl bangen muß, zum Schaden für den Likud, dem es ohne seinen hochgeachteten "Kommandanten" nicht gelingen will, ein weiteres Mal die Massen der unterprivilegierten orientalischen Juden zu mobilisieren.

Wahlkampf ohne Menachem Begin, diesen zugleich geliebten und gefürchteten, bewunderten und verachteten Untergrundführer aus der Zeit der Staatsgründung Israels, ist eben kein Wahlkampf. Als begabter Demagoge, als blendender Rhetor, als politischer Feuerkopf hätte er dem Wettkampf noch einmal Farbe und Würze gegeben. Mit seinen verbalen Attacken hätte er seine Gegner aus ihrer vornehmen Zurückhaltung herausgelockt. Er hätte sie gezwungen, sich zu entscheiden: für oder gegen die Libanon-Invasion, für oder gegen neue Siedlungen in Westjordanien, für oder gegen gravierende Abstriche im Sozialetat, für oder gegen höhere Steuern.