Hervorragend

Ludwig van Beethoven: "Klavierkonzerte Nr. 1–5". Als sie die Stücke aufgenommen hatten, bei einer doppelten Konzertreihe in der Chicago Orchestra Hall, und dann im Studio die Montage gelungen war, schrieb Alfred Brendel spontan ein "Plädoyer für die Live-Aufnahme" (ZEIT 4/84). Er schwärmte vom hohen Reiz der "überlisteten Einmaligkeit", von der Aura des Körperlichen, des Dabei-Seins, des Leibhaftigen, von der Probenarbeit, von der Spannung und Unmittelbarkeit. Teilt sich das alles mit auf den Platten? Sind die anders als "normale" Studioaufnahmen? Man muß schon die Umstände kennen – wüßte man es nicht, ich bin sicher, man "hörte" es auch nicht. Auch wenn das Publikum zu Beginn und am Ende in Ovationen ausbricht, im Studio manches Geräusch unterblieben wäre: es scheint kein Unterschied im künstlerischen Niveau zu erkennen zu sein. Und doch glaubt man, um die Bedingungen wissend, diese Spannung zu hören, die bei der künstlerischen Gratwanderung herrschen mußte: wie da die Nuancen noch deutlicher artikuliert werden; wie ganz bestimmte Klangfarben nicht durch raffinierten Mikrophon-Einsatz synthetisch, sondern in der gleichbleibenden Distanz oder Direktheit sich natürlich abheben und entwickeln; wie die Tempi sich spontan ändern als Reaktion eines Musikers auf einen anderen; wie die Emphase plötzlich mit jemandem für ein paar Takte durchgeht; wie auch die Präzision nicht bis in den letzten Bruchteil einer Sekunde erarbeitet wurde, sondern aus dem momentanen Einsatz eine noch menschliche Unschärfenrelation erhielt; wie aber eben ein Solist hören läßt, wie lange und tief er über diese Konzerte nachgedacht, sich in sie hineingelesen, -gespielt, -gehört, was alles er im Laufe langer Jahre gefunden hat. "Der Reichtum wird sich im zyklischen Ablauf besonders zeigen", meinte Brendel damals, und in der Tat: fünf unterschiedliche Interpretationsansätze, die zusammen einen Beethoven, aber auch einen Brendel zeigen. Das C-Dur-Konzert: klassisch, liebenswürdig, etwas suchend; das B-Dur: frisch, aber auch mit viel Fröhlichkeit; das C-Moll: aufgeregt, sich quälend; am überzeugendsten das G-Dur: mit höchster technischer Souveränität, darüber eine fast visionäre Erkenntnis und Größe; das Es-Dur schließlich: mit Entschiedenheit und Pathos, nicht ganz so triumphal wie oft zu hören. James Levine und das Chicago Symphony Orchestra: Ich würde es nicht optimal nennen, wie man sich mit dem Solisten verständigte – der hat doch weit mehr auszusagen. Aber gekonnt, professionell, mit Leidenschaft und herrlichem Klang musizieren sie allemal, wobei die Holzbläser mir den besten Eindruck machen. Wei es so recht genießen will, muß, wieder einmal, leider zur Compact Disc sich entschließen. (Alfred Brendel, Chicago Symphony Orchestra, Leitung: James Levine; Philips 411 189-2, 3 CD/411 189-1, 4 LP/411 189-4, 3 MC)

Heinz Josef Herbort

Hörenswert

Sigi Schwab & Percussion Academia: "Rondo a tre". Eigentlich, erzählt der Gitarrist Schwab, habe er sich immer schon gewünscht, "einmal mit einer reinen Percussionsection zusammen zu spielen" – nun hat er es geschafft und mit der Percussion Academia (Guillermo Marchena und Freddie Santiago) eine faszinierende Schallplatte aufgenommen. Vieles fällt auf: der eigenartig warme, ganz unverwechselbare Gitarrenton Schwabs, die Eigenart seiner Melodiebildung und mancher harmonischer Wendungen, die Mannigfaltigkeit seiner musikalischen Einfälle. Obwohl das Percussions-Instrumentarium reich ist – und Trommeln und Pauken aller Art, vielerlei Glocken und Glockenspiele, Becken, Kastagnetten, Hölzer enthält, nicht erst zu redet von Mundgeräuschen und Vokaleinwürfen –, wird man mit Effekten nicht erschlagen, sondern sehr gezielt damit bekannt gemacht. Die Instrumentierung ist außerordentlich delikat und genau, die Farbenmischung fein dosiert, und natürlich bestimmt sie wesentlich die musikalische Dramaturgie. Das Programm ist vielfältig: Man hört (Kammer-)Rockjazz, lateinamerikanisch Inspiriertes, viele stimmungsreiche Stücke, die die musikalische Neugier und die Assoziationslust wecken. Ein wenig schade ist, daß einem bei dieser Musik, die gesehen werden sollte, wenig geholfen wird: Was sind Caxixi, Cabaze, Hi-Hat, Roto-Toms, wie sehen sie aus, wo kommen sie her, wie werden sie gespielt? Schade – weil so unerhört gut musiziert wird. (Melosmusik/Teldec GS 703)

Manfred Sick