Von Manfred Sack

Fällt der Name Taut, echot es schon: Bruno! Natürlich – der Freund Paul Scheerbarts, die Glas- und die "Alpine Architektur", die Onkel Tom- und die Hufeisensiedlung in Berlin, die Zeitschrift "Frühlicht". Bruno Taut war der Utopist, der Anstifter, der unternehmende Praktiker, ein origineller Planer und ein guter Architekt. 1980, zum hundertsten Geburtstag, hat man ihn mit vollem Recht ausgiebig gefeiert.

Der um vier Jahre jüngere Bruder Max war zurückhaltender, bescheidener, empfindsamer, ein lieber im Stillen Handelnder. Stehen andere zeitlebens im Schatten ihrer begabten Väter, so wurde er den Schatten des Bruders nicht los. Als er achtzig war, hatte die Akademie der Künste in Berlin mit einer kleinen Ausstellung an ihn erinnert. Jetzt, im hundertsten Geburtsjahr, versucht sie es ein wenig großzügiger. Es tut not: Max Taut gehört wie sein Bruder zu den Bahnbrechern des Neuen Bauens, er war der bessere Architekt.

Das erste seiner Gebäude, das ich je betreten habe, hatte er 1930 für die Reichsknappschaft am Breitenbachplatz in Berlin gebaut. Nach dem Kriege diente es als Arbeitsamt, in dem ich stempeln ging: ein freundliches Gebäude von ruhigem Temperament, im halbrund verglasten Entree schwingt sich eine Treppe frei aufwärts. Wer es benutzt hat, dem hat sich unweigerlich die rotbraune Fassade aus matt glänzenden Kacheln und senkrecht vermauerten Backsteinen eingeprägt, auch der halbrunde Treppenturm, vielleicht sogar die leicht gekrümmte Front des längeren Büroflügels.

Zum erstenmal begegnet bin ich Max Taut in seinem schönen einfachen Haus; es steht in der Siedlung Eichkamp, die er mitgeplant hat. Er war ein freundlicher alter Herr, der mir halb neugierig, halb belustigt zuhörte, auch ein wenig zögernd, denn ich war auf der Suche nach Architektur-Träumen von heute, die ich in vielen Schubladen vermutete. Er zeigte mir (wie viele andere Baumeister) Pläne, bis ins Detail ausgearbeitet, sagte "nächstes Jahr ist Baubeginn". Aber nein, nicht das suchte ich, sondern Visionen wie die, die er damals, nach dem Ersten Weltkrieg, für den Architekten-Korrespondenzklub "Gläserne Kette" gezeichnet hatte, wie sein "Drehbares Haus" von 1919. "Junger Mann", so sagte er etwa, "nun hören Sie mal zu: Damals – damals hatten wir leere Taschen und deshalb die Köpfe voller Ideen. Heute haben wir Aufträge über Aufträge, aber keine Zeit mehr, ‚verrückte‘ Sachen zu denken."

Das leuchtete mir ein: aber ganz richtig war es, wie die Ausstellung nun zeigt, doch nicht. Max Taut hat auch als einer, der viel zu bauen hatte, nicht ganz zu phantasieren aufgehört, wenngleich seine gezeichneten Träume so handfest waren, daß sich, fände sich nur ein Bauherr, alles das bauen ließe, auch das "Luftschloß", das er – gegrüßt sei Scheerbart – an einen Alpengipfel geschmiegt sah: mit säulengesäumten, gekrümmten Hallen, lichtdurchflutet, mit einem eleganten Turm, einem Scheinwerfer, der Kristallstrahlen aussendet, und vielen Brücken, die für die Automobile über eine lange tiefe Schlucht geschlagen sind. Wenn man die Augen anstrengt, kann man in einer Ecke lesen: "In diesem Hotel wollte ich gerne wohnen, aber es war noch nicht fertig."

Reflexe der Vergangenheit? Nur waren es eben nicht leere Taschen, die den Tagträumer animierten, es war wohl eher das glanzlose Geschäft des sozialen Wohnungsbaus, wenngleich Max Taut es mit äußerster Hingabe betrieb: eine Art Ausflucht. Er hat nach dem Zweiten Weltkrieg vor al- lem Mietshäuser (in Berlin), Siedlungen (in Bonn, im Ruhrgebiet) geplant; nur ein-, zweimal noch hat er – wie mit dem Ludwig-Georg-Gymnasium in Darmstadt – etwas Außergewöhnliches entwerfen können. Auf einmal spürt man die Biographie: von den Nazis beargwöhnt, zeitweilig mit Berufsverbot belegt, um die "besten Jahre" betrogen. Als der Krieg zu Ende war, war Max Taut 61 Jahre alt. Da ließ sich nicht einfach fortfahren, nicht einfach anknüpfen, und die zweite Nachkriegszeit war anders als die erste.