München/Frankfurt am Main

Kaum war das Strafmaß verkündet, da stürzte sich eine Frau aus dem Publikum auf den Angeklagten. "Du Mörder", schrie sie ihm auf serbokroatisch ins Gesicht, "Du wirst Deiner gerechten Strafe nicht entgehen." Eine unmißverständliche Handbewegung zum Hals ließ keinen Zweifel daran, welche Gerechtigkeit gemeint war.

Aber nicht nur die Witwe des Schriftstellers Ante Kostic, der im Oktober 1981 vor seiner Münchner Wohnung erschossen wurde, ist unzufrieden mit dem Urteil gegen den 38jährigen Josip Majerski, einem langjährigen Mitarbeiter des jugoslawischen Geheimdienstes. Zwei Jahre und zehn Monate Gefängnis erscheinen allen aktiven Regimegegnern viel zu wenig für einen Mann, den sie der Vorbereitung diverser Mordanschläge gegen kroatische "Freiheitskämpfer" verdächtigen und der, wie einer von ihnen das in seiner Zeugenvernehmung ausdrückte, "unser ganzes Volk verraten hat".

Das alles aber stand vor dem Dritten Strafsenat des Bayerischen Obersten Landesgerichtes gar nicht zur Debatte. Schon die Andeutung von Majerskis Verteidiger, er könne den Botschafter der Volksrepublik Jugoslawien und andere Diplomaten als Zeugen laden lassen, ja, gegen einige von ihnen vielleicht sogar Strafantrag stellen, hatte die Staatsanwaltschaft offenbar bewogen, sich in der Anklageschrift zurückzuhalten: Vorgeworfen wurde dem Ex-Agenten nur ganz allgemein nachrichtendienstliche Tätigkeit und in einem Fall Anstiftung zur versuchten Brandstiftung.

Außenpolitische Opportunität stand auf dem Spiel. Das brisante Verfahren sollte so geräuschlos wie möglich über die Bühne gebracht werden. Die Voraussetzungen waren günstig. Nachdem es bei der Justizverwaltung vorher immer geheißen hatte, die Hauptverhandlung würde frühestens im Herbst eröffnet, fand sich ganz überraschend dann doch noch ein Termin Anfang Juli, so knapp, daß die gesetzlich vorgeschriebene Ladungsfrist gerade eingehalten werden konnte. Der Druckerstreik verminderte das Risiko vorzeitiger Publizität weiter, und so erschien am ersten Prozeßtag nicht ein einziger Zuschauer. Man blieb unter sich.

Daß die Rechnung letztlich doch nicht aufging, lag an dem umfassenden Geständnis des Josip Majerski, den der Verfassungsschutz als hochrangigen Überläufer einstuft. Was er an Detailinformationen über die Struktur des jugoslawischen Geheimdienstes und über dessen skrupellose Aktivitäten gegen Emigranten in Deutschland auspackte, dürfte die Machthaber in Belgrad nachhaltig schmerzen. Und die Namen, die er nannte, müßten auch die Bundesregierung zum Handeln zwingen: angeworben wurde er von Radoslaw Simic, der heute als Assistent des Botschafters in Bonn Dienst tut; damals oberster Geheimdienst-Resident war der Konsul in Freiburg, Djuro Pintaric, der jetzt seinen Ruhestand in der Heimat verbringt; sein Agentenführer hieß Sime Jelic, der erst Konsul in Nürnberg war und inzwischen dem Konsulat in Dortmund vorsteht.

Von diesen vermeintlich honorigen Herren bekam Majerski Geld, Waffen und den Auftrag, sich in verschiedenen Exil-Organisationen hochzudienen, von deren führenden Mitgliedern die Lebensgewohnheiten auszuspähen und Lagepläne ihrer Wohnungen zu zeichnen, außerdem als Agent provocateur zur Gewaltanwendung aufzustacheln. Seine schmutzige Arbeit wurde mit monatlich 2000 Mark entlohnt. Erst als man ihm befahl, Bruno Busic, den damals prominentesten Regimegegner in Paris umzubringen, so stellte es der Angeklagte selbst dar, habe er seinen Vorgesetzten erstmals den Gehorsam verweigert. Dem Opfer nutzte das nichts, den Mordauftrag erledigte ein anderer.