Bei dieser Lage bedeutet das jetzt in Washington unterzeichnete "Memorandum of Understanding" über die Luftverteidigung einen wesentlichen Fortschritt: Das seit beinahe dreißig Jahren bestehende Abwehrsystem mit "Nike-Herkules"-Raketen, das von Deutschen, Amerikanern, Holländern und Belgiern gemeinsam betrieben wird, ist seiner Aufgabe nicht mehr gewachsen. Die einzelne Raketenbatterie kann zur gleichen Zeit jeweils nur ein feindliches Flugziel erfassen und bekämpfen. Deshalb war die "Nike" von Anfang an neben den herkömmlichen Pulversprengköpfen auch mit nuklearer Munition ausgestattet: Nur so hätte sie mit einem Schuß einen ganzen Bomberpulk auf einmal vernichten können.

Aber dieses Konzept aus den fünfziger Jahren entspricht den Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg. Es ist längst überholt.

Als Ersatz für die total veraltete "Nike-Herkules" steht nur das amerikanische Luftabwehrsystem "Patriot" zur Verfügung. Zum Vergleich: Eine "Patriot"-Batterie – sie verfügt über bis zu acht Abschußgestelle mit je vier Raketen – kam gleichzeitig 50 anfliegende Ziele erfassen. Und: Die Geschosse haben ausschließlich konventionelle Ladungen.

Über die Notwendigkeit, den Luftabwehrgürtel zu erneuern, bestand schon bei den Sozial-Liberalen und ihrem Verteidigungsminister Hans Apel kein Zweifel. Das Unternehmen, 24 "Nike"-Batterien in den von der Bundeswehr zu bedienenden Abschnitten des Abwehrgürtels durch ebenso viele Feuereinheiten "Patriot" zu ersetzen, erschien auch erschwinglich – gerade noch so eben: Eine "Patriot"-Feuereinheit kostet mitsamt der dazugehörigen Raketenausstattung 100 Millionen Dollar. Zu Apels Zeiten hätte das Programm umgerechnet sechs Milliarden Mark verschlungen. Heute wäre es allein wegen des ungünstigen Dollarkurses wesentlich teurer.

Ein solches Kostenvolumen schloß auch damals schon aus, daß die Bundeswehr noch zusätzliche Aufwendungen zur äußerst unzureichenden Luftverteidigung der von ihr unterhaltenen zwölf Militärflugplätze machen konnte. Dort gibt es nur optisch gerichtete 20-Millimeter-Schnellfeuerkanonen, die einem Angreifer bei gutem Wetter wenig und bei Schlechtem Wetter gar nichts anhaben können. Aber beides – Patriot und Flugplatzschutz – war nicht bezahlbar. So mußte in der von Hans Apel im Herbst 1981 einberufenen Rüstungsklausur die Beschaffung der Tiefflieger-Abwehr-Rakete "Roland" aus deutsch-französischer Entwicklung gestrichen werden.

Hier hat Manfred Wörner grundlegenden Wandel geschaffen: Er konnte die Amerikaner überreden, der Bundeswehr die Hälfte der Patriot-Systeme für zehn Jahre zu "leihen". Nur die zweite Hälfte (also zwölf Feuereinheiten) muß die Bundesrepublik kaufen. Sie spart damit die Hälfte der Beschaffungskosten. Die Bonner Gegenleistung: Deutsche Luftwaffensoldaten bedienen Künftig neben den eigenen Raketenstellungen auch die der Amerikaner auf deutschem Boden. Zudem kauft die Bundesrepublik die Roland-Abwehrrakete – sie kostet nur ein Zehntel der Patriot – für die eigenen zwölf wie für die drei amerikanischen Nato-Flugplätze und stellt dafür ebenfalls die Bedienung.

Manfred Wörner nannte das Abkommen zu Recht einen "Durchbruch". Zwar gibt es im Rüstungsgeschäft noch immer keine "Zweibahnstraße" zwischen Amerika und Europa; die Europäer kaufen viele ihrer Waffen in den Vereinigten Staaten, aber die Amerikaner so gut wie keine in Europa. Doch immerhin: beide Seiten haben mit Einfallsreichtum und gutem Willen eine tragbare Lösung gefunden.