Von Theo Sommer

Der Grenzübergang sieht aus wie vor zwanzig Jahren: trist und abweisend. Spanische Reiter säumen die Einfahrt an der Heinrich-Heine-Straße; Blechcontainer zwingen die Fahrer zu umständlichem Slalom; ein Wald von Stopp-Schildern versperrt den Weg. Das Dach des Abfertigungsgebäudes ist verdreckt. Die Kontrollbaracke wirkt, als sei sie von einem Pionierbataillon nach Dienstschluß getischlert worden. Die Schalter-Ausschnitte sind noch und karg bemessen, die Fenster dunkel verblendet – Einblick unerwünscht. Ein paar traurige Geranien, graue Gitterzäune, handgemalte Schilder: Fußgänger-Einreise, Durchführung des gesetzlichen Mindestumtausches – ein ästhetischer Genuß ist der Übergang von Deutschland nach Deutschland auch heute noch nicht.

Kontrolliert wird wie damals: dreimal. Aber die Kontrolleure in ihren hellen Sommerblusen sind freundlicher, die Abfertigung geht schneller. Die Reise von West nach Ost – 1964 noch eine Sache von Seltenheitswert – ist längst zur unbestaunten Routine geworden. Mein Visum liegt bereit; ich darf damit eine Woche lang überall in der DDR herumfahren – seinerzeit galt die Besuchserlaubnis nur für acht bestimmte Orte. Der Mindestumtausch wird mir erlassen; die Pressestelle des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten ist zu Recht davon ausgegangen, daß ich ein Vielfaches der obligatorischen Einwechsel-Summe im Lande ausgehen, werde. Und da mich Marlis Menge mit hinübernimmt, die in Ost-Berlin akkreditierte Korrespondentin der ZEIT, entfällt jegliche Kontrolle des Fahrzeugs.

Der letzte Grenzer gibt die Papiere zurück und wünscht "Gute Fahrt". Der Schlagbaum hebt sich. Wir sind drüben.

Die Plakate sind verschwunden

Der erste Eindruck: Die Plakate, Transparente und Propaganda-Banner, die ehedem den Einreisenden begrüßten – sie sind weg. Nur ein einziges, winziges Schild ist zu entdecken: "35 Jahre DDR – 35 Jahre Frieden". Draußen "in der Republik" dieselbe Beobachtung: keine Marx-Zitate mehr, keine Lenin-Parolen. In Dresden prangt an der Rathaus-Front der Spruch: "Es lebe unser sozialistisches Vaterland – die DDR." Auch gibt es entlang der Autobahnen gelegentlich einen Hinweis auf das im Oktober bevorstehende Staatsjubiläum. Die Zahl 35 steht im anderen Deutschland für die Zeitspanne, die seit der Gründung der DDR vergangen ist, nicht für die 35-Stunden-Woche (drüben wird noch durchschnittlich 42 Stunden gearbeitet, und manche Besucher aus dem Westen, die den Gewerkschafts-Aufkleber "35" auf der Heckscheibe ihres Wagens trugen, hatten ihn in jüngster Zeit beim Grenzübergang abkratzen müssen). Ansonsten kaum noch Transparente. Höchstens, daß in der Provinz der eine oder andere Kleingartenverein, der eine oder andere Betrieb noch nicht gemerkt hat, daß dergleichen heute nicht mehr Muß ist. Die DDR braucht wohl die Mauer noch, aber sie hat es nicht länger nötig, ihre Wirklichkeit hinter einer Plakatwand zu verstecken.

Der zweite Eindruck: Der Verkehr lärmt, pestet, staut sich fast wie bei uns. Vor zwanzig Jahren kamen uns die Straßen drüben leer vor; wir vertrieben uns die Zeit damit, die Kraftfahrzeuge zu zählen, die uns binnen einer Stunde entgegenkamen. Heute wäre dieses Spiel viel zu anstrengend. Die DDR lebt mitten im Automobilzeitalter. Jede vierte Familie hat mittlerweile ihren Wagen – und er wird noch emsiger, noch liebevoller gewaschen, gewachst und poliert als im Westen, weil die Lieferzeiten für einen Trabant, einen Wartburg, Schiguli, Skoda oder Dacia noch immer acht bis zwölf Jahre betragen. Überall sind große Parkplätze entstanden – neben dem Gebäude des Zentralkomitees, im neuen Zentrum Dresdens, bei Robotron in Riesa, wo längst mehr "Trabis" abgestellt sind als Fahrräder, Mofas und Motorräder.