Von Anna von Münchhausen

Der Zorn ist frisch und steht ihr gut. Auf der gestrigen Betriebsversammlung, da hat sie mal wieder richtig auf den Tisch gehauen und Tacheles geredet. Unter den 531 Mitarbeitern des Offenburger Verlages Aenne Burda hatte es Unruhe gegeben, Gerüchte, einige Entlassungen. "Da hab’ ich ihnen knallhart gesagt, worum es geht: Verluste sind nicht drin, sonst müssen hinterher auf einmal noch mehr gehen", berichtet die Verlegerin, deren professionelle Eleganz mit ihrem Temperament einen steten Wettstreit austrägt.

Ein Auftritt wie ein Gewitter – hinterher waren alle beruhigt, die Lage geklärt, die Gerüchte verstummt. "Das war stark", befanden die Führungskräfte. "Das war die Chefin von früher."

Sie ist sichtlich zufrieden mit diesem Echo. Kennt und reizt sie doch das offenbar unvermeidliche "noch" in Verbindung mit ihrer Tätigkeit. Was sie wurde, was sie ist, läßt sich am anschaulichsten durch ein physikalisches Gesetz ausdrücken: Arbeit gleich Kraft mal Weg. Ihre Arbeit gilt "meinem Verlag", dem größten der Welt, was Modezeitschriften angeht; mit dem ihres Mannes, der von der Bunten zusammengehalten wird, hat er nichts zu tun. Die Kraft ist die Konstante der Rechnung: "Das Schlimmste wäre, eines Morgens aufzuwachen und festzustellen, es geht nicht mehr." Der Weg hat sie aus dem kleinbürgerlichen Elternhaus (Vater Lokomotivführer, wie sie gern erzählt) in die Crème der Wohlstandsindustriellen geführt. Aber, und das ist ihr wichtig: "Ich habe alle sozialen Stufen durchwandert, nicht im Eilzugtempo absolviert."

Am 28. Juli feiert Aenne Burda, geborene Anna Magdalena Lemminger, ihren 75. Geburtstag. Vor ein paar Jahren verbreitete ihre Presseabteilung, die Verlegerin habe sich "aus dem Tagesgeschehen zurückgezogen" und, das klang verdächtig harmonisch, "ihr Haus bestellt".

Alles umsonst. Nach wie vor laufen die Fäden in ihrer Hand zusammen. Der Geschäftsführer – entlassen. Die Chefredakteurin von Burda Moden, der größten unter den knapp 50 Publikationen. – "Wir haben uns getrennt. Sie hätte mir das Heft kaputtgemacht." Drei Jahre lang habe sie ihr jegliche Unterstützung gewährt. Sie blättert eine neue Ausgabe durch, spießt kritisch einzelne Beiträge auf: "Das interessiert unsere Leserin nicht, das kommt nicht an." Kein Pardon.

Ins badische Kinzigtal drücken 35 sommerliche Hitzegrade. Für Aenne Burda zwar ein Thema, aber keine Entschuldigung. Sie absolviert ein Pensum, das an solchen Tagen manchen Vierzigjährigen ins Schwitzen brächte. Ein Blick auf die handgeschriebene Agenda – fünf Tagesordnungspunkte hat sie schon bis zur Mittagszeit in ihrem hellgetäfelten Büro als "erl." abgehakt. Vor ihr liegen Entwürfe, Stoffproben, Zeichnungen für die Wintermode.