Von Peter Friedl

Turin, Pfingstmontag 1984. In der Galleria Franz Paludetto, einer riesigen leeren Garagenhalle, wird eine "installazione" eröffnet: "La pittura dell’Orgien-Mysterien-Theater". Man kennt sie, diese mächtigen roten Explosionen auf zwei Meter breiten Jutebahnen. Hermann Nitsch hat damit um 1960, im Alter von nicht einmal 22 Jahren, in Wien angefangen – und nach drei Jahren wieder aufgehört, um sich ganz den blutigen Aktionen seines Orgien-Mysterien-Theaters zu widmen. Mittlerweile sind die frühen Aktionsmalereien, gleich den späteren Aktionsrelikten und Zeichnungen, teure Museumsstücke geworden. Neuerdings findet man sie sogar im Auktionskatalog bei Sotheby’s.

Zwei Jahrzehnte hat es gedauert, bis neue Serien dieser grandiosen Schüttbilder entstehen konnten. Zuerst im heimischen, exterritorialen Schloß Prinzendorf an der Zaya, kurz vor der umfangreichen Retrospektive, die – Rudi Fuchs vergangenen Herbst für Eindhoven zusammenstellte (und die auch nach London, Spanien und Italien wandern wird). "Wie ein Dom", sagte der letzte Documenta-Leiter angesichts der vielen Riesenformate.

In Turin sehe ich sie wieder, eng aneinandergeschoben auf dem Kachelboden, neun und fünfzehn Meter lang, oder senkrecht an den getünchten Wänden. Sie wirken ganz zeitlos, souveräner, freier als je zuvor: Teilansichten einer immer weiter expandierenden Gesamtkunstwelt. Zu Ostern, an vier Tagen, sind die weißen Malgründe von Nitsch bemalt, bespritzt, angeschüttet worden. Dionysos war hier. Am Eröffnungsabend, zu vorgerückter Stunde, umarmte ein trinkfester Mario Merz seinen österreichischen Künstlerfreund und sprach ingrimmig: "Dein Kopf und deine Bilder werden immer röter."

Es ist schön in dieser Stadt, wo einst der wahnsinnig gewordene Immoralist noch die Korrekturfahnen von "Nietzsche contra Wagner" durchsah und seine letzten Postkarten mit "Dionysos" und "Der Gekreuzigte" unterzeichnete. "Der gebildete Deutsche reist daran vorbei", witzelte der größte aller Deutschen auf Widerruf in einem Frühlingsbrief vom 13. Mai 1888. Aus Turin machte er sich seine "dritte Residenz" zurecht.

Vor elf Jahren hat Nitsch in der Krypta einer Turiner Kirche seine 42. Aktion aufgeführt, die erste in Italien. Seither sind hier einige seiner wichtigsten Aktionen realisiert worden, zum Beispiel im römischen Theater von Triest oder in der Chiesa S. Lucia von Bologna – Nitschs "Requiem" für seine früh verstorbene Frau (mit einem Orchester von mehr als hundert Musikern). Das Oster- oder Pfingstfest von Turin war diesmal nur ein kurzbemessener Abstecher in die südlicheren Gefilde: Nitsch arbeitet an seiner 80. Aktion, der längsten, aufwendigsten. Drei Tage und drei Nächte lang, vom Sonnenaufgang des 27. bis zum Sonnenaufgang des 30. Juli, wird sie auf seinem Schloß im niederösterreichischen Weinviertel, ungefähr fünfzig Kilometer nördlich von Wien, stattfinden. Die Zeit der Exile ist vorbei. Sein "Sechs-Tage-Spiel", diese monumentalste aller Theaterphantasien, rückt wieder um ein gewaltiges Stück näher.

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