Von Uwe Prieser

Los Angeles

Coca-Cola grüßt die amerikanischen Teenager. Wir sind in einer schmalen, nach frischem Teer duftenden Straße neben dem Olympiastadion. Das Coliseum ist von dichten Efeuranken überhangen. Es sieht wie sein eigenes Denkmal aus. Die Häuser in den Straßen sind flach, die Mauern rissig, aus dunklen Fenstern hängen abgerissene Gardinen. Auf den Treppen und Fenstersimsen sitzen Männer in Unterhemden. Die Gegend um das Coliseum ist heruntergekommen. Zuviel arme Leute, zuviel Einwanderer, zuviel Zorn. Und weil es Abend ist, und weil wir uns fürchten, denn wir sind so oft gewarnt worden, erzählen wir, daß wir zur Olympiade gekommen sind. Das Stichwort funktioniert. Wir reden über die Olympischen Spiele wie über einen Film, von dem wir die Hauptdarsteller kennen und dessen Besetzung schon die Story erzählt. Dann reden wir über Amerika und über Los Angeles, denn Los Angeles ist ja Amerika, und Olympia ist eine amerikanische Erfindung.

Die Bürger von Los Angeles haben Olympia erst nicht gewollt. Jedenfalls haben sie vor sechs Jahren bei einer Abstimmung erklärt, sie würden für Olympische Spiele keinen Cent zahlen. Dann hat Peter Ueberroth die Sache in die Hand genommen und hat ein Organisations-Komitee gegründet. Peter Ueberroth ist Mitte Vierzig. Er gehört zu den Menschen, die Geld sehen können, wo noch überhaupt keines ist, und die sich dann soviel Geld pumpen, daß sie entweder ins Gefängnis kommen oder das Geld dorthin zaubern, wo es außer ihnen kein Mensch erwartet hat. Vorher war er Direktor eines Reiseunternehmens.

Als die Olympischen Spiele noch von Ueberroths Briefkastenfirma geplant wurden, und er schließlich sein Büro beziehen wollte, konnte er nicht hinein. Der Vermieter wollte erst eine Bankauskunft einholen. Jetzt rechnet Ueberroth mit rund fünfzehn Millionen Dollar Reingewinn. Mehr soll es nicht werden. Denn eine Olympiade des Kapitalismus soll es nicht werden.

Wo sind wir denn? Wir sind im Land der Millionäre. Wir sind in Kalifornien, bei Peter Ueberroth und den Olympiamachern. Sie hatten einmal beinahe eine halbe Million Dollar Schulden. Dann haben sie die Fernsehrechte für 225 Millionen Dollar an ABC verkauft. ABC hat für 615 Millionen Dollar Werbespots in seinen 180 Übertragungstunden an die Industrie verkauft. Coca-Cola grüßt die amerikanischen Teenager mit einem Werbeaufwand von 35 Millionen Dollar, das sind 100 Prozent des Inland-Werbeetats. Es hat aber auch 15 Millionen den Olympia-Organisatoren geschenkt. Und nun ist es stolz, zur olympischen Familie dazuzugehören.

Buick gehört auch dazu mit einer Spende von 500 Wagen, die ihre 12 Millionen Dollar wert sind, und einem Werbeeinsatz von 60 Millionen Dollar. Der Frikadellenbrater McDonald hat neun Millionen gestiftet und ist mit 55 Millionen in die Werbung eingestiegen. Peter Ueberroth hat gesagt: "Wir machen einfache Spiele. Billige Spiele." Das Radstadion ist von einer Supermarktkette bezahlt, das Schwimmstadion von einer Imbißkette. Etat: 500 Millionen Dollar. Moskau hatte neun Milliarden, Montreal 2,1 Milliarden Dollar gekostet. Dort tragen die Steuerzahler noch heute die olympische Hypothek ab.