Von Wilfried Schwedler

Ständeig piepst die elektronische Registrierkasse, made in Sweden. Hinter der Theke steht der vollbärtige Wirt und verkauft mit unbeteiligtem Blick Cola in Dosen und Süßigkeiten. Neben ihm telephoniert die Küchenmaid offenbar mit dem Liebsten. Am Tisch mit der fettigen Resopalplatte verzehren wir zum drittenmal hintereinander das gleiche Abendessen: Gemüsesuppe mit einem Häufchen Parmesan darauf, Rindfleisch mit runzeligen Erbsen und synthetisch mundendem Kartoffelpüree und – doch halt, hier folgt die Abwechslung – statt des Schokoladenpuddings vom ersten Abend heute wie gestern als Dessert vielfarbigen Fruchtsalat.

Das gewohnte Einerlei einer Betriebsabspeisung? weit gefehlt, denn wir vier genießen nicht die heimatliche Kantinenatmosphäre, sondern leisten uns die geschilderten Kulinaria zum stolzen Halbpensionspreis von umgerechnet 52 Mark in luftiger Höhe: 3611 Meter über dem Meerespiegel hockt die Gnifetti-Hütte auf einem Felsriegel des Monte-Rosa-Massivs.

Vor vier Tagen waren wir von München aufgebrochen, um das langerträumte Bergerlebnis wiederzufinden: Gletschertouren per Ski in der einsamen Region der Viertausender. Für diese Unternehmung hatten wir das weitläufige Gebiet um den Monte Rosa mit Aufstieg von der italienischen Seite her ausgesucht, weil die Gletscher bei gutem Wetter relativ gefahrlos zu begehen und zahlreiche prominente Gipfel unschwer erreichbar sind.

Bergerlebnis, so wie ich es von vielen Hochtouren her in verklärter Erinnerung hatte? Den ersten Tag oben in der Gnifetti-Hütte verbringe ich fast ausschließlich im knarzenden Stockbett, denn die ungewohnte Höhe fordert ihren Tribut mit bohrenden Kopfschmerzen und würgender Übelkeit. Erste Leidenserfahrung: Mechanische Aufstiegshilfen, wie man Seilbahnen und Lifte heute so treffend nennt, sind zwarbequem für muskelschwache Städter, verhindern aber auch die allmähliche Höhenanpassung Früher brauchte ich halt sechs Stunden bis zu einer Hütte, und droben schmeckte mir gleich der von der Wirtin eigenhändig zubereitete Kaiserschmarrn. Jetzt vermag ich nur mit Widerwillen an unser erstes Drei-Gänge-Menü zu denken.

Ähnlich wie mir schien es gestern zahlreichen Tourengefährten zu ergehen, die am Vormittag statt auf einem Gipfel mit bleichen Gesichtern im Aufenthaltsraum hockten und sich spürbar nach dem grünen Tal mit dickerer Luft zurücksehnten. Auch das rheinisch sprechende Paar war mit seinem Führer inzwischen zurückgekehrt. Am Vorabend noch schauten die beiden recht exklusiv drein in ihren hellbeigen Cordhosen und makellos weißen Pullovern. Aber die ersten Aufstiegsmeter hinter der Hütte hatten sie sichtlich demoralisiert. Nur ihr Führer war es zufrieden; er hatte das Honorar wohl bereits in der Tasche und brauchte seine Kunden nicht mehr den Gletscherabbruch hinaufzuziehen.

Bergerlebnis? Dazu gehörte für mich vor allem auch das Gefühl der Stille und Einsamkeit, ja des Verlassenseins in der Region des ewigen Eises. Natur in ihrem Urzustand, unkalkulierbar und von prickelnder Gefährlichkeit. Heute, als wir zur Parrotspitze (4432 Meter) hochspurten, keuchten vor, neben und hinter uns Schwärme von Italienern, Schweizern und Österreichern. Spaltenstürze oder falsche Orientierung bei Schlechtwettereinbruch? Sicher, das kann immer noch passieren, aber selten unter Ausschluß der Öffentlichkeit, denn irgendwo in Rufweite ist bestimmt eine Traube von Daunenjacken unter einem Gipfelaufschwung auszumachen.