Ein obszöner Jugendscherz, diese "Geschwätzigen Kleinode" des Jahres 1748, der Aufguß irgendeiner alten Novelle aus Boccaccios Bibliothek, und schon mehr. Mirzozas Zauberring, der den losen Erdbeermund der Mätressen zum Sprechen bringt – das scheint fast so etwas wie ein Synonym für die sonderbaren Fähigkeiten und Eigenschaften Diderots selber.

Denn inmitten der muntersten Frauenphantasien hören wir plötzlich eine ganz andere Stimme. Im Traum erscheint dem großen Mangogul die Zukunft der Philosophie: "Ich sah in der Ferne ein Kind auftauchen, das gemessenen, aber sicheren Schritts auf uns zukam. Es besaß einen kleinen Kopf, einen schmächtigen Körper; aber während es sich näherte, nahmen alle seine Gliedmaßen an Umfang und Länge zu. Bei diesem schrittweisen Wachstum erschien es mir in hunderterlei Gestalt; ich sah es ein langes Teleskop gen Himmel richten, mit einem Pendel den Fall der Körper abschätzen, mit einem Röhrchen voll Quecksilber die Schwere der Luft feststellen und mit dem Prisma in der Hand das Licht zerlegen. Mittlerweile war es ein gewaltiger Koloß geworden; es schwang in der Rechten eine Fackel, deren Licht die Lüfte erleuchtete, die Tiefen der Wasser erhellte und die Eingeweide der Erde durchdrang. ‚Wer ist diese Riesengestalt?‘ fragte ich Plato. ‚Die Erfahrung‘, erwiderte er."

Im Traum Ludwigs XV., denn niemand anderes verbirgt sich hinter der Larve des Mangogul, verkündet Diderot den Sieg der Empirie über die alte Metaphysik, die Einnahme der scholastischen Wissenschaftsfestung durch Galilei, Pascal und Newton, den Triumph einer neuen Welterfahrung, die einen gottgewollten Mangogul und seinen frivolen Hofstaat nicht mehr lange dulden wird. Inmitten exotisch drapierter Erotica im Zeitgeschmack, milder Absolutismussatire, für ein Taschengeld zusammengeschrieben, plötzlich die Prophezeiung, die Drohung. Dem lockeren Amüsement entlockt Diderot mit seiner Zauberfeder das teure Geheimnis: die Ankündigung der Enzyklopädie. Mit 15 Jahren war Denis Diderot, Sohn eines wohlhabenden Handwerkers aus Langres, 1728 in die französische Hauptstadt gekommen – tonsuriert, denn der Vater hatte ihn der Obhut der Jesuiten anvertraut. Von der Theologie flieht der designierte Abbé bald zu den schönen Künsten, später, auf Druck des Vaters, der ihn inzwischen von einem Karmelitermönch überwachen läßt, widmet er sich der Jurisprudenz. Doch in der Kanzlei des Anwalts de Ris hält er es nicht lange aus. Da der Vater schon lange kein Geld mehr schickt, versucht der junge Diderot sein Glück als Hauslehrer, Gelegenheitsschreiber, mit Übersetzungen.

Er hatte geheiratet, gegen den Willen seiner Eltern, gegen den Willen der Schwiegereltern. Mit seiner Braut wurde er nicht glücklich. Zu groß war zwischen ihnen das, was man gemeinhin "den Unterschied im Geistigen" nennt. Sie hatten mehrere Kinder, von denen aber nur eines, Diderots angebetete Tochter Angélique, die Eltern überlebte.

Er war 32, ohne Stellung, ohne festes Einkommen, aß meistens außer Haus, oft in Gesellschaft eines gewissen Rousseau, mit dem er sich später ganz fürchterlich entzweien sollte, als er von dem Verleger Le Breton den Auftrag erhielt, die "Cyclopedia or a Universal Dictionary of Arts and Sciences" des Engländers Ephraim Chambers ins Französische zu übertragen, gegebenenfalls leicht umzuarbeiten. Daß aus diesem, wie es schien, Gelegenheitsauftrag einmal die große Obsession seines Lebens werden sollte, hatte Diderot damals wohl noch nicht geahnt.

Auf welches Projekt er sich schließlich einließ, merkte er, als er sich an die Arbeit machte. Mit einer bloßen Übersetzung oder einem flüchtigen Neuarrangement konnte es nicht getan sein. Hier war die Chance, etwas ganz Neues zu schaffen: eine neue Enzyklopädie – ein Werkzeug, der herrschenden Klasse mit dem Wissen auch die Macht zu entreißen.

Das Schicksal Pierre Bayles (1647-1706) stand dem angehenden "Enzyklopädisten" vor Augen. Er hatte das erste moderne Werk dieser Art geschaffen, das berühmte "Dictionnaire historique et critique". Der Haß des ancien régime verfolgte ihn bis ins Exil nach Holland; sein Bruder, der in Frankreich geblieben war, wurde im Gefängnis umgebracht.