Ein sehr gefährlicher Mann

Bereits vor dem Erscheinen des ersten Bandes der Enzyklopädie muß Diderot erfahren, daß das Unternehmen ohne Protektion von höchster Stelle zum Scheitern verurteilt sein würde. Sein philosophisches Erstlingswerk, die "Philosophischen Gedanken" (1746), ein Bekenntnis zur Vernunftreligion, verquickt mit Überlegungen zur Evolution, wird sofort verboten und öffentlich verbrannt, ebenso geschieht es seinem "Brief über die Blinden". Diderot, so steht es in den Geheimberichten der Spitzel, gilt jetzt als "un homme très dangereux".

Am 24. Juli 1749 wird er verhaftet. Die Bastille ist voll, er wird nach Vincennes verlegt. Hier, am Stadtrand von Paris, vegetieren die Lebendigbegrabenen vor sich hin, die "Verschwundenen". Ein halbes Jahr bleibt Diderot in Einzelhaft, im Ungewissen über sein Schicksal. Er widerruft alles, was sich nur widerrufen läßt, gesteht alles, was es zu gestehen gibt, verspricht, nie wieder etwas gegen Religion und Moral zu schreiben, will am Ende sogar Namen nennen. Schließlich kommt er frei.

Nie wird er diese Demütigung vergessen. Sie bleibt als ein Schatten über seinem Leben. Hier liegt die Wurzel auch für einen spürbar resignativen Zug in seinem Werk. Und wenn oft mit Befremden oder Ratlosigkeit festgestellt wird, daß Diderot keines seiner Werke, die seinen Nachruhm ausmachen, je veröffentlicht hat, weder "Die Nonne", noch "Rameaus Neffe", noch "d’Alemberts Traum", noch "Jacques der Fatalist", so erklärt sich dies vielleicht auch aus den Erfahrungen dieser fünf Monate des Jahres 1749, die ihn an den Rand des Wahnsinns trieben, in denen er beinahe zum Verräter an seinen Freunden und Mitarbeitern geworden wäre.

"Wir werden gegen die unvernünftigen Gesetze reden, bis man sie ändert, und uns ihnen für die Zwischenzeit unterwerfen. Ist man mit Verrückten verrückt, so hat man weniger Unannehmlichkeiten, als wenn man ganz allein vernünftig ist. Rufen wir uns selbst und den anderen immer wieder zu, daß man Schande, Strafe und Schmach an Handlungen geknüpft hat, die an sich harmlos sind; aber begehen wir sie nicht, denn Schande, Strafe und Schmach sind die allergrößten Übel." So schreibt er 23 Jahre später in seinem "Nachtrag zu Bougainvilles Reise". Die Schande, Strafe und Schmach der Monate in Vincennes hat er nie überwunden.

Doch scheinbar unbeeindruckt arbeitet er an dem großen Projekt weiter. Es gelingt ihm, einen der berühmtesten Männer seiner Zeit, den Mathematiker d’Alembert, für die Mitarbeit an der Enzyklopädie zu gewinnen; Condorcet, Rousseau, Condillac, Voltaire stoßen hinzu, das Unternehmen erfreut sich schließlich der Protektion seiner Majestät der regierenden Mätresse, der Marquise de Pompadour. Am 1. Juli 1751 erscheint der erste Band, der zwanzigjährige Kampf um das größte literarische Unternehmen der Epoche hat begonnen.

Von der Zensur verfolgt, vom eigenen Verleger betrogen, von den Mitarbeitern im Stich gelassen, lastet die Arbeit vor allem auf Diderots Schultern, er hält durch. 35 Bände umfaßt die Enzyklopädie am Ende, 1780 gilt sie als vorläufig abgeschlossen.