Auch "Jacques der Fatalist und sein Herr", das erzählerische Hauptwerk Diderots, erscheint zunächst "bei Grimm". Hier nun wird alles zum Dialog, der Roman zerlegt in ein großes Spiel, bei dem alle mitspielen dürfen: der Erzähler, die Figuren, der Leser. Der Roman, das ist nicht die Handlung, die zigmal unterbrochene Lebens- und Liebesgeschichte Jacques’, sondern das Wechselspiel zwischen allen Beteiligten. Mal wird der Leser vom Erzähler beschimpft, es wird damit gedroht, den Roman abzubrechen, mal beschweren sich die Figuren über ihren Erfinder. Denkt man sich jetzt noch einen temperamentvollen Leser hinzu, ist das Chaos, nein: der Roman perfekt. Ein Romanexperiment, ein Antiroman oder nur ein amüsantes Verwirrspiel und doch eines der politischen Bücher der Epoche. "Zum ersten Mal in der europäischen Literaturgeschichte", analysiert Hans Mayer den Roman, "wird hier die gesellschaftliche Unproduktivität und Wertlosigkeit des Herrentums" enthüllt, und zugleich "die Lebensabhängigkeit der Herrenschicht von ihren Knechten". Miteinbezogen wird der Leser, denn wie der "Herr" von Jacques beherrscht wird, so bleibt auch er (ein Herr, der glaubt, das Heft, das Buch in der Hand zu haben) doch nur so lange Leser, wie der stets zu Diensten stehende Erzähler es erlaubt.

Der Herr wird zum Knecht, der souveräne Leser bettelt um Fortführung der Erzählung – in seinem kühnsten Gedankenspiel, in "d’Alemberts Traum" steigert Diderot diese Philosophie der Verwandlung, dieses Denken in Umspringfiguren zu einem großen kosmologischen Entwurf. Der kranke d’Alembert träumt die Genesis, den großen Evolutionsprozeß der Natur von den ersten Klümpchen Materie bis hin zu den Übergängen in die Bereiche des Empfindens und Denkens. In der endlosen Kette der Verwandlungen gibt es keinen Anfang, kein Ende, keine Individualität:

"Alle Wesen kreisen ineinander, entwickeln sich von einem zum anderen ... Jedes Tier ist mehr oder weniger Mensch, jedes Mineral ist mehr oder weniger Pflanze, jede Pflanze mehr oder weniger Tier ... Und ihr redet von Individuen! Laßt eure Individuen! Es gibt nur ein einziges großes Individuum, das ist das Ganze! ... Ich sterbe also gar nicht? Nein, in diesem Sinne sterbe ich gewiß nicht. Geboren werden, leben und vergehen, das ist Form verändern... Was bedeutet die eine oder andere Form?"

Am 31. Juli 1784 stirbt Denis Diderot in Paris.