Der skulptierte Schrei

Ein deutsches Thema wurde in Amerika wiederentdeckt

Von Petra Kipphoff

Expressionismus, so hat sich der Eindruck durch unzählige Ausstellungen und Publikationen festgesetzt, das sind Bilder und Graphiken, rauh, leuchtend, grell, von Kirchner oder Heckel, Nolde oder Schmidt-Rottluff oder dem Außenseiter Beckmann. Expressionismus, das weiß man dann vielleicht auch noch, das sind die Verse, anklagend, verzweifelt, schrill, von Heym und Trakl, Däubler und Stramm oder dem Außenseiter Benn. Daß es Expressionismus auch in der dritten Dimension gibt, kann zumindest der norddeutsche Mensch nicht nur durch die nahen Skulpturen von Ernst Barlach, sondern auch alltäglich angesichts einer oft streng exzentrischen Backsteinarchitektur der zwanziger Jahre erfahren. In Ausstellungen jedoch und kunsthistorischen Publikationen (sei es zum Expressionismus oder zur modernen Plastik) ist man dem Thema noch kaum begegnet. Der amerikanischen Kunsthistorikerin Stephanie Barron ist es zu verdanken, daß diese Begegnung jetzt möglich ist.

Expressionismus in Kalifornien

Daß für die Amerikaner das Ferne oft näher liegt als für uns das Nahe, erstaunt nicht mehr, und gerade im Gebiet der Kunstgeschichtsforschung haben die Vereinigten Staaten (basierend auch auf den großen Leistungen von Emigranten wie Panofsky, Wind oder Pevsner) einen Standard erreicht, der im Land von Wölffin, Warburg und Einstein schon lange Erinnerung geworden ist. Daß die Entdeckung der Skulptur des deutschen Expressionismus ausgerechnet im europafernen Los Angeles ihren Anfang genommen hat, ist gewiß überraschend (will sagen: für die Deutschen beschämend) und macht doch auf die angenehmste und eindrucksvollste Weise Sinn, wenn man ein paar Tatsachen addiert: in Kalifornien hat nicht nur Max Beckmann unterrichtet, in Santa Barbara ist auch die große Sammlung seines Freundes Stephan Lackner zu Hause. Eine andere große deutsche Sammlung, die "Galka Scheyer Collection – The Blue Four" ist mit ihren umfangreichen Beständen von Kandinsky, Jawlensky, Feininger und Klee im Besitz des "Norton Simon Museum" in Pasadena. Und in Beverly Hills hat der Rechtsanwalt Robert G. Rifkind in den letzten fünfzehn Jahren eine Sammlung expressionistischer Kunst aufgebaut, der selbst Lothar-Günther Buchheim seinen Respekt nicht versagt. Die über 5000 Drucke und Zeichnungen sowie 4000 Bände umfassende Bibliothek dieser Sammlung werden in einem dem Los Angeles County Museum angegliederten Trakt ab 1985 der Öffentlichkeit zugänglich sein. Rifkind, der die Bibliothek (die wohl umfassendste Sammlung der Dokumente des Expressionismus überhaupt) dem Museum schenkte, hat außerdem einen Stipendien-Fonds zur Erforschung des Expressionismus gestiftet.

Auf dem Hintergrund dieser Situation und gut versorgt mit Leihgaben der Rifkind-Collection (zu der wichtige Skulpturen von Beckmann, Barlach, Kirchner und Voll gehören) konnte Stephanie Baron, Kuratorin für die Kunst des 20. Jahrhunderts am L. A. County Museum, ihre Arbeit beginnen. In rund drei Jahren hat sie nicht nur Pionierarbeit geleistet (die hoffentlich Folgen haben wird), sondern auch eine überwältigend schöne Ausstellung (und einen hervorragenden Katalog) zusammengebracht, die, nach Los Angeles und Washington, jetzt in Köln, und leider nur dort, zu sehen ist. (Warum kommt eine solche Ausstellung eigentlich nicht nach Berlin?)

"Menschheitsdämmerung" nannte Kurt Pinthus seine 1919 zum ersten Mal erschienene Anthologie expressionistischer Lyrik, die er mit dem Gedient "Weltende" von Jakob van Hoddis einleitete:

Der skulptierte Schrei

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,

In allen Lüften hallt es wie Geschrei.

Und an den Küsten, liest man, steigt die Flut

Der Sturm ist da, die wilden Meere hüpfen

an Land um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Der skulptierte Schrei

Menschheitsdämmerung: In der Skulptur des Expressionismus wird die Situation einer zwischen zwei Kriege geworfenen Generation schon deshalb auf eine ebenso intensive wie intime Weise deutlich, weil diese Skulptur fast ausschließlich den Menschen zum Thema hat. Von der Abstraktion ebenso weit entfernt wie vom Realismus gibt es in diesen Arbeiten, so heterogen sie auch immer sein mögen, doch einen gemeinsamen Nenner: die symbolische Kraft, die immer wieder die Kehrseite der Ekstase ist. Das gilt für George Minnes noch halb dem Klassizismus verpflichtete "Kniende Figur" (1898) ebenso wie für die grob geschnitzte "Tanzende Frau" (1911) von Kirchner, für Barlachs furios das Schwert schwingenden "Rächer" (1914) wie natürlich für Lehmbrucks "Gestürzten" (1914/15) (der zuerst "Sterbender Krieger" hieß), für Kätne Kollwitz’ zu einem Berg von Leid und Protest erstarrten "Turm der Mütter" (1937/38) wie für Christoph Volk lebensgroßen Akt eines alten, ausgemergelten Greises: "Ecce Homo" (1924/25) – der Gepeinigte als Stellvertreter, Individuum und Symbol zugleich.

Aber das Individuum existiert auch als expressive Physiognomie, die freilich dann nicht die unbekannte Mutter oder der zu Tode getroffene Krieger ist, sondern das Porträt des Freundes, des Künstlers, des eigenen Ich. In einem Seitenkabinett zeigt die in offenen Räumen wie beiläufig Schwerpunkte setzende und Entwicklungslinien nachzeichnende Ausstellung ein Ensemble von Porträt-Köpfen, das in sich schon ein Kapitel Expressionismus darstellt. Da steht Beckmanns kantiger Schädel fest auf dem Sockel; bleiben von Alfred Flechtheim, dem Berliner Kunsthändler, in Rudolf Bellings Skulptur nur Mund, Hakennase und Augenbrauen übig; da läßt Karl Knappe den Kopf des alten Liebermann schmal und lang emporwachsen, und Alexander Archipenko macht Wilhelm Furtwängler beim Dirigieren zu einer wie von Schiele zerdennten Figur; schließlich William Wauers halb futuristische, halb expressionistische Büste des "Sturm"-Gründers Herwarth Walden und des Schauspielers Albert Bassermann. In diesen Köpfen explodiert die Zeit.

Expressionistische Skulptur ist – mit Ausnahme von Barlach und Lehmbruck, Marcks und Kolbe – die Skulptur von Malern und Graphikern. Besonders die "Brücke"-Maler fanden erst spät und auf dem Umweg über das Anfertigen von geschnitzten Möbelstücken und kunsthandwerklichen Arbeiten zur Skulptur. Diese Beschäftigung mit dem Material Holz (das ihnen außerdem durch die Produktion von Holzschnitten vertraut war) sowie der Enthusiasmus, mit dem sie die afrikanische und ozeanische Kunst für sich entdeckten (zum Beispiel in der Sammlung des Dresdner Völkerkundemuseums) haben ihre Arbeit entscheidend geprägt. Wo es Nolde, der als einziger die Holzschnitzerei gelernt hatte, noch auf das Glätten und Formen des Materials ankam, fühlten Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff sich als Holzbildhauer: "Es ist ein sinnlicher Genuß, wenn Schlag für Schlag mehr die Figur aus dem Stamm herauswächst. In jedem Stamm steckt eine Figur, man braucht sie nur herauszuschälen", schrieb Kirchner an den Hamburger Sammler Gustav Schiefler. Holz war nicht nur das preiswerte, sondern auch das lebende Material, das sich großflächig gestalten, durch scharfe Schnittkanten und gelegentlichen Farbauftrag stark akzentuieren ließ. In Bronze oder Stein hätte sich diese Art von Monumentalität, die eher im Gefühl lag als in der Dimension (nur wenige Skulpturen haben Lebensgröße), kaum ausdrücken lassen. Von "Urlauten plastischer Gestaltung und seelischen Ausdrucks" schrieb Max Sauerlandt, der Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe in Hamburg, der sich als einer der ersten Museumsdirektoren für diese Kunst einsetzte und ab 1919 systematisch die expressionistische Skulptur für sein Haus kaufte.

Die von Sauerlandt aufgebaute Abteilung (leider zeigt nur der amerikanische Katalog die alten Photos des Museumstreppenhauses) wurde ebenso zerstört und zerstreut wie andere öffentliche und private Sammlungen. Allein in deutschen Museen wurden im Verlauf der Aktion "Entartete Kunst" bis 1939 fast 16 000 Werke beschlagnahmt, im Ausland verauktioniert, vernichtet. Das von der Zahl her kleine und vom Material her fragile Skulpturen-Werk wurde dabei besonders empfindlich dezimiert. Was dabei zerstört wurde oder verschollen ist oder einfach irgendwo unerkannt herumsteht, ist bis heute noch nicht eindeutig festgestellt. Aber besonders hier wird in der amerikanischen Ausstellung wertvolle Forschungsarbeit geleistet. Nicht nur, daß verschollen geglaubte Arbeiten bei der Vorbereitung plötzlich entdeckt wurden (wie Kirchners "Tänzerin mit Halskette"), es wurden auch Künstler der Vergessenheit entrissen: Milly Steger, deren "Auferstehender Jüngling" im Magazin des Frankfurter Städel verdämmert, Christoph Voll (von dem nur ein Werk in deutschem Museumsbesitz zu sein scheint) und Martel Schwichtenberg, in Köln mit einem Selbstporträt-Holzrelief Vorgestellt, über deren Arbeit es bisher nur die dürftigsten Informationen gab.

Vergessen und verloren

Der größte und traurigste Fund dieser Ausstellung ist aber wohl Gela Forster (1922 heiratete sie Arenipenko), deren Werk insgesamt verschollen ist. Drei ihrer Arbeiten, Akte, sind in der Ausstellung in einer zeitgenössischen Photosequenz zu sehen (so, wie alle anderen zerstörten oder verschollenen Arbeiten hier in Photos im Originalformat in den Ausstellungsablauf integriert sind); aber selbst in dieser Reduktion wird klar, daß hier nicht ein Andenken verlorenging, sondern eine kraftvolle Künstlerin ausgelöscht wurde. "Die ganze Skulptur gipfelt in einen Schrei", schrieb Theodor Däubler über Gela Forsters "Der Mann" – eine Charakterisierung, die auch auf die Arbeiten anderer Künstler zutrifft.

"Wir sind, wie sich zeigt, die Generation, die von der Geschichte einfach verbraucht worden ist... Nach diesem Krieg werden wir alte Leute sein und wir haben ja noch gar nicht gelebt", schrieb der Bildhauer Joachim Karsch 1941. Und Gottfried Benn, der seine Generation "verlacht, verhöhnt, jäh, blitzend, stürzend, auf kurzes Leben angelegt" nannte, beschrieb die Vergeblichkeit des expressionistischen Aufschreis in einem Bild vom verlorenen Krieg: "Der Expressionismus ... stieg auf, schlug seine Schlachten auf allen katalaunischen Gefilden, und verfiel. Trug seine Fahne über Bastille, Kreml, Golgatha, nur auf den Olymp gelangte er nicht." (Kunsthalle Köln bis 26. August, Katalog 32 Mark.)