ZEIT: Herr Glucksmann, Ihr Buch "La Force du Vertige" ist jetzt in Deutschland unter dem Titel "Philosophie der Abschreckung" erschienen. Bereits vor seinem Erscheinen hat es hier heftige Polemiken und Mißverständnisse ausgelöst. Können Sie vielleicht für das deutsche Publikum die Grundzüge Ihrer Thesen skizzieren?

André Glucksmann: Nein. Wenn ich das in fünf Minuten entwickeln könnte, hätte ich kein Buch geschrieben. Im Grunde möchte ich zunächst vor etwas warnen: Ich habe kein Buch über die deutsche Friedensbewegung geschrieben, sie ist sowieso nicht deutsch. Es ist eine weltweite Bewegung. Ich habe über Frieden und Krieg in Europa geschrieben. Wichtig waren an der Friedensbewegung die von ihr gestellten Fragen: Es war eigentlich das erste Mal, daß man in Europa öffentlich nach unserem Frieden und nach unserem wahrscheinlichen nächsten Krieg fragte. Eine gute Frage, weil man bisher dachte, das ist eine Sachs zwischen Washington und Moskau.

Aber es ist doch unsere Sache, uns zu verteidigen oder nicht zu verteidigen. Das waren die wichtigen Fragen der Friedensbewegung oder der amerikanischen Bischöfe. Ihre Antworten hingegen waren idealistisch, unethisch und irrational. Die ganze apokalyptische Prophetie, die einen Zusammenhang zwischen Untergang und Pershing II herstellte – die Pershings eskalieren angeblich auherstellte –, diese ganze Prophetie hat ihren drohenden Charakter verloren, nachdem die ersten Raketen da sind und alle sehen, es passiert nichts.

ZEIT: Sie haben schwere Kritik an Denkweisen und Einstellungen der Friedensbewegung geübt.

Glucksmann: Die Frage ist, ob man unsere Demokratie und unsere Freiheit verteidigen will oder nicht. Außer Wut hat die Friedensbewegung wenig Materielles geäußert. Sie hat ständig gegen die Pershing II polemisiert, aber über die Bedrohung der SS-20 hat sie geschwiegen. Die Bergpredigt als politisches Leitmotiv, schön und gut, aber doch nur, wenn sich beide Seiten auf ein solches moralisches Reglement einigen. Sonst führt die Verwendung der Bergpredigt zur einseitigen Abrüstung. Und einseitige Abrüstung scheint mir keine Verteidigungsmethode zu sein. Ich beharre auf zweiseitigem Frieden und Abrüstung.

ZEIT: Welche Unterschiede sehen Sie zwischen der Wirkung Ihres Buches bei Erscheinen, vor sechs Monaten in Frankreich, und dem Echo, das es heute in der Bundesrepublik auslöst?

Glucksmann: In Frankreich wissen alle, daß die Fragen der Verteidigung immer die Linke und die Rechte zersplittern, dementsprechend uneinheitlich wurde mein Buch diskutiert. In Deutschland wurde mein Buch als Skandal und Schande verstanden. Wie kann ein Linker so sprechen und denken, wie kann ein Intellektueller nicht für den Pazifismus eintreten. Das muß doch ein Renegat sein, er muß ein Rechter geworden sein.