Zuerst wird der Mann als Atheist und seine Meinungen als höchst verwerflich angegeben; sodann aber zugestanden, daß er ein ruhig nachdenkender und seinen Studien obliegender Mann, ein ruhiger Staatsbürger, ein mitteilender Mensch, ein ruhiger Partikulier gewesen ..."

Nicht nur Goethe? ist der Philosoph und Linsenschleifer Baruch Spinoza sympathisch. Durch sein Handwerk und kleine Renten staffiert er sich die Nische aus, in der er überleben kann, lehnt den Ruf des Kurfürsten von der Pfalz auf den Heidelberger Lehrstuhl ab, lebt bescheiden und zurückgezogen im Haag, überläßt die Publikation seines Hauptwerks dem Testamentsvollstrecker und stirbt 49jährig.

"Dieser abnormste und einsamste Denker" (Nietzsche) ist wohl der reinste Vertreter jener bedeutenden Klasse jüdischer Philosophen, deren Lebensposten als Außenseiter schon die Struktur der Reflexion hat. Sie sind immer draußen. Der Blick aus der Distanz, der leicht dem Philosophen zum divinatorisch-herrscherlichen geraten kann, entspringt hier auch dem Leiden. Inneres und äußeres Exil erzeugt Erkenntnis. Das Kind portugiesischer Juden, die in den Niederlanden ansässig geworden waren, wird schließlich auch aus der Synagoge exkommuniziert.

Nun betrachtet der Blick die Dinge "sub quadam aeternitate specie". Doch welche Linse ist es, durch die ein menschliches Auge einen Ewigkeitsblick bekommt? Intuition, unmittelbares Erfassen der Dinge, das kann die Seele aus sich selbst; indem sie die Natur betrachtet, betrachtet sie Gott: Deus sive Natura – Gott und Natur sind in diesem Denken eins. Der Dualismus Descartes’, der eine materielle und eine geistige Substanz unterschieden hatte, ist kassiert. Damit ist freilich auch die Transzendenz Gottes dahin. Das war es denn auch, was Benedictus de Spinoza (Baruch = der Gesegnete, lat. Benedictus) unannehmbar für die jüdische und christliche Theologie gemacht hatte, In der Natur Gott zu treffen, dieser Pantheismus war schon für Lessing, aber auch für Moses Mendelssohn, F. H. Jacobi, für Herder und vor allem für Goethe ein Initialgedanke. Dieser zählt Spinoza unter die drei Abgeschiedenen, die auf ihn die "größte Wirkung getan" (Brief an Zelter vom 7. 11. 1816). Dies nicht nur wegen seines Pantheismus, sondern vor allem wegen seiner Ethik, einer rationalistischen Technik der Entsagung,

Zum Verständnis jenes Hauptwerkes, der "Ethik in geometrischer Weise bewiesen und in fünf Teile geschieden" empfiehlt es sich, das Stichwort Geometrie besonders ernstzunehmen, denn das Verfahren, von der Wirkung auf die Ursache zu schließen, das Verfahren der rationalen Erkenntnis, soll streng nach dem Vorbild des Euklid gefaßt werden. Das erbringt für die Philosophie eine neue literarische Form, die bis dahin, etwa bei Descartes, nur ansatzweise entwickelt war: das System. Platon hatte zwar über den Eingang seiner Schule eine Inschrift setzen lassen, daß kein mit der Geometrie Unbekannter eintreten dürfe – seine literarische Form aber war der Dialog. Wir finden im Mittelalter Summen, Sentenzen, Kommentare und Traktate, erst der Rationalismus des Spinoza macht ernst mit dem Anspruch, der einen Welt mit einem konsistenten theoretischen Gebilde zu entsprechen.

Der dritte Teil der "Ethik" enthält die Lehre von den Affekten. Wenn Triebe und Begierden aus Ideen entstehen, die der göttlichen Substanz nicht entsprechen, sind sie Leidenschaften. Leiden entsteht, wenn zur vollentsprechenden Idee, die mit göttlichen Würden ausgestattet ist, etwas fehlt. Richtig denken, das heißt hier richtig ableiten, überwindet die Leidenschaft und führt zu adäquater Erkenntnis. Das alte sokratische Motiv, daß die Tugend mit der Erkenntnis zusammenhängt, schafft sich wieder Bahn und wird zum Gottesdienst gesteigert. Spinoza wirbt dafür, die Vernunft selber affektiv zu besetzen. Ein Affekt verdient Vertrauen, wenn ihm die Notwendigkeit eines mathematischen Beweises zukommt. Die Beweise sind die "Augen des Geistes", sie sollen sub specie aeternitatis schauen. Spinoza hat durchaus gesehen, daß der endliche Mensch, der dem Zeitablauf unterworfen ist, Schwierigkeiten hat, die Position der Zeitlosigkeit, der Ewigkeit, im Ernst zu beziehen. Es ist interessant, wie er sich an der Überwindung dieser Schwierigkeit abarbeitet. So rät er beispielsweise einen Beweisgang, in dem Schluß für Schluß aufeinanderfolgt, am Ende in einer einzigen Gesamtintuition gegenwärtig zu setzen, so als ob die Zeit vernichtet und Ewigkeit hergestellt werden solle. Die affektive Besetzung dieser Teilnahme am göttlichen Geist heißt: "amor dei intellectualis, geistige Liebe zu Gott".

Geometrie heißt ursprünglich "Erdmessung", und der euklidische Anspruch war, in seinem Formalsystem die Grundstruktur des Kosmos zu greifen. Spinozas Versuch, parallel dazu den menschlichen Geist zu vermessen und ihm ein Maß zu setzen, lebt von dem Glauben an die rationalistische Suggestion der mathematischen Form. Sein Denken wie sein Zeitalter erscheinen dem unseren, das mit einem adornischen "sich anschmiegen ans Detail" einen Grundzug von unten gewinnt, das auf die andere Seite der Vernunft überlaufen will und sich vom Wahnsinnigen, Sinnlichen, Übersinnlichen, Weiblichen und Dunklen wieder einmal romantisch angelockt sieht – geradezu antipodisch. Aber auch Reisen zu den Antipoden haben ihre Reize.