Von Hans Jakob Ginsburg

Teheran, im Juli

In der hochsommerlichen, subtropischen Morgensonne leuchten die bunten Blüten des Kranzgebindes. Keine Schleife vermerkt den Spender. Das Symbol des Mitgefühls liegt nicht genau am Bestimmungsort. Zugedacht war es dem Grab des Ayatollah Beheschti, dem Gründer der klerikalen Staatspartei der Islamischen Republik Iran. Beheschti starb zusammen mit 80 prominenten Mitstreitern vor bald drei Jahren, als die linken Volks-Mudjaheddin das Hauptquartier der islamisch-republikanischen Partei in die Luft sprengten. Weil niemand die deutsche Besucher-Delegation unter Führung Hans-Dietrich Genschers eines Besseren belehrte, liegt der leuchtende Kranz nun in deutlicher Entfernung von Beheschtis Grabmal – am Grab des Mitmärtyrers und kurzzeitigen Ministerpräsidenten Bahunar.

Der Kranzspender war der erste westeuropäische Minister, den die inzwischen fünf Jahre alte Republik der Mullahs begrüßen konnte. Hans-Dietrich Genscher hatte wenig Zeit und wohl auch wenig Lust, die Sehenswürdigkeiten des riesigen Friedhofs im Süden Teherans zu bewundern: nicht den "Blutbrunnen", dessen Fontäne hellrot eingefärbtes Wasser spritzt, nicht die riesigen Gräberfelder der vielen "Märtyrer" des iranisch-irakischen Krieges, erst recht nicht den abgelegenen Schindanger für jene Toten der letzten fünf Jahre, über die hier nicht mehr laut gesprochen wird.

Irgendwo gibt es hier auch ein Grabmal des unbekannten Soldaten. Hier haben der japanische, der türkische und der österreichische Außenminister ihre Kränze niedergelegt. Genscher dagegen hat das bewußt vermieden: Zu sehr hätte dies wie eine Parteinahme im Krieg der Perser gegen die Iraker ausgesehen, meinten deutsche Diplomaten. Da ehre man doch lieber den außenpolitisch unverfänglichen Beheschti, der überdies als früherer Iman der Moschee an der Hamburger Außenalster eine besondere Bedeutung für Deutschland habe. Mit Parteinahme für die heutigen Regenten habe das erst recht nichts zu tun.

Die Bundesrepublik hat manchen Vorteil als Brückenbauer. Deutschland ist den Persern nie als imperialistische Macht begegnet. Bonn hielt in Teheran auch während der schlimmsten Zeiten diplomatisch Stellung. In der Bundesrepublik haben viele Funktionäre des revolutionären Iran studiert. Der heilige Zorn der Ayatollahs richtet sich auf Amerika, England und Frankreich, nicht auf Westdeutschland. All das verleiht Bonn eine besondere Rolle im Iran, die gerade in Krisen nützlich sein kann.

Vor allem aber, und das war nicht zu vergessen, folgt die Flagge dem Handel. Der Iran importiert mehr Güter aus der Bundesrepublik als jedes andere Land der Region. Vor den Japanern und Osteuropäern, vor den Chinesen und den wenigen wohlgelittenen Konkurrenten aus Westeuropa steht die Bundesrepublik an erster Stelle in der iranischen Importbilanz. Das wäre aus der Sicht der Teheraner Regierenden gut und schön, gäbe es da nicht das große Defizit im Handel mit den Deutschen. Gegen das Nordsee-Erdöl kann der Iran nur schwer konkurrieren, Teppiche und Kaviar fallen nicht ins Gewicht. So gibt es keinen exportfähigen Gegenwert zu den Autos, Lastwagen, Chemikalien, Textilien, die der Iran aus der Bundesrepublik bezieht.