Von Bernd Achten

Der Wunsch, sich mit Wundermitteln aller Art in Höchstform zu bringen, ist fast so alt wie der Leistungssport selbst: Schon beim ersten Sechstagerennen im Jahr 1879 nahmen Berufsfahrer Kokain und Heroin als Stimulanzien. Radfahrer hielten das Thema Doping auch weiterhin in den Schlagzeilen, 1960 stürzte der Däne Jensen am Eröffnungstag der Olympischen Spiele von Rom tot vom Rad – er war mit Amphetamin im Blut gefahren. 1967 starb der englische Radprofi Tom Simpson auf einer Etappe der Tour de France – er hatte unterschiedlich wirkende Aufputschmittel geschluckt.

Aber auch Athleten aus anderen Sportarten standen dem nicht nach. So verschied der gedopte deutsche Mittelgewichtsboxer Jupp Elze 1968 nach einem Faustkampf. Selbst überragende Sportler – 1969 wurde der Delgische Radprofi Eddy Merckx vom Giro d’Italia disqualifiziert – konnten dem Griff in den Medikamentenschrank nicht widerstehen.

Unmenschliche Anforderungen verlangen offensichtlich nach unerlaubten Maßnahmen. Auch bei. den Olympischen Spielen, die am kommenden Sonntag in Los Angeles eröffnet werden, muß mit Doping gerechnet werden – die aufwendigen Kontrollen belegen es (siehe Kasten).

Zu routinemäßigen Dopingkontrollen konnten sich die internationalen Verbände erst 1966 durchringen; nur einige nationale Antidopinggesetze, wie das französische von 1963, wurden früher verabschiedet. Aber diese Gesetze beflügelten zugleich die Phantasie der Aktiven und Betreuer. So versuchten Athleten bei Urinkontrollen, fremden Harn mit einem unter dem Trikot versteckten Schläuchlein aus einem kleinen Ballon in das Analyseglas zu manipulieren. Nachdem solche Tricks aufgeflogen waren, entdeckten Kontrolleure noch raffiniertere Täuschungsmanöver – etwa jenes, bei dem die Blase des gedopten Sportlers mittels Katheter entleert und mit unverdächtigem Fremdurin wieder gefüllt wird.

Das unsportliche Räuber- und Gendarm-Spiel eskalierte seit den sechziger Jahren, als mehr und mehr Aktive ihre Muskeln mit hormoneller Hilfe aufzupumpen begannen. Synthetische Steroide, auch Anabolika genannt, waren und sind die chemischen Hilfen, zu denen vor allem Kraftsportler wie Kugelstoßer, Diskuswerfer und Gewichtheber – aber auch Schwimmer – greifen. Für die muskelfördernde Wirkung wird, gerade von zahlreichen Sportlerinnen, die Vermännlichung inKauf genommen. Auf die Baßstimmen der ihm Anvertrauten angesprochen, reagierte der Betreuer der DDR-Schwimmerinnen während der Olympischen Spiele in München vor zwölf Jahren gelassen: "Meine Mädchen sind ja schließlich nicht zum Singen da."

Mit den raffinierteren Versuchen, Rekorde mit Hilfe der Retorte zu fördern, wuchs freilich auch die Fähigkeit der Kontrolleure, noch feinste Doping-Rückstände im Urin nachzuweisen. Heute spüren Wissenschaftler mit einer Kombination aus Gas-Chromatographie und Massenspektrometer die Abbauprodukte der verbotenen Mittel einwandfrei auf. Mehr als zwanzig dieser technisch sehr aufwendigen Geräte stehen jetzt in Los Angeles an der University of California zur Überprüfung der Olympioniken zur Verfügung.