Essen

Warum machen die das kaputt, Papa?" Papa weiß wohl auch nicht so genau. Jedenfalls bleibt er die Antwort schuldig, läßt den Blick wortlos über die herumliegenden Trümmer und den Bagger mit der Abrißkugel schweifen. Dann schwingen. sich Vater und Tochter aufs Fahrrad und radeln davon.

Die Zeche Carl Funke im Essener Süden, direkt am Baldeneysee gelegen, ist derzeit ein beliebtes Ausflugsziel. Jahrelang stand sie leer und interessierte die Essener nicht sonderlich. Jetzt, da mit ihrem Abriß begonnen wurde, ist sie wieder ins Bewußtsein gerückt, und Denkmalschützer stimmen in das allgemeine Wehklagen ein.

Zwar ist Carl Funke weder die älteste noch die schönste unter den verbliebenen Zechen. Aber sie ist diejenige Schachtanlage, die am längsten im Ruhrtal in Betrieb war. Erst 1973 wurde sie stillgelegt, als der Bergbau schon längst das Tal der Ruhr verlassen und weit in den Norden der Region vorgedrungen war. Und sie birgt einige historisch bedeutende Bauteile wie etwa das Fördergerüst. Von diesen sogenannten "deutschen Bockgerüsten in Fachwerkbauweise" mit den zwei übereinanderliegenden Seilscheiben gibt es im ganzen Ruhrgebiet nur noch fünf.

Einen besonderen Reiz macht zudem ihre Late aus: Obwohl mitten in einem Freizeit- und Naherholungsgebiet gelegen, fügt sie sich harmonisch in das sie umgebende Grün. Auf Grund dieses ungewöhnlichen Standorts, meint der Essener Denkmalschützer Albrecht Kreidt, eigne sie sich bestens, "die vielen Ausflügler mit ihren geschichtlichen Anfängen zu konfrontieren" – zumal die Anlage nicht nur technik- und industriegeschichtlich von Bedeutung sei, sondern auch Einblicke in die Sozialgeschichte biete. Das Waschkauengebäude und die Lohnhalle daneben sind noch erhalten.

Daß dies nun größtenteils abgerissen wird, haben sich die Denkmalschützer indes selbst mit zuzuschreiben. Auf Anfrage der Stadt Essen erklärte das Rheinische Amt für Denkmalschutz in Bonn vor zwei Jahren lediglich das Maschinenhaus für erhaltenswert. Als die Behörde jedoch von den Abrißplänen hörte, wollte sie weitere Bauteile urter Schutz stellen lassen – zu spät: das Abrißverfahren war bereits in vollem Gang.

Auf Intervention der Denkmalschützer ordnete das nordrhein-westfälische Ministerium für Landes- und Stadtentwicklung nun an, daß zumindest das historisch wichtige Fördergerüst stehenbleiben soll. Einsam wird es aus den Schrebergärten heivorragen, die hier entstehen sollen.

1975 erklärte der Wissenschaftsminister des Landes, der damals Johannes Rau hieß: "Wer ein technisches Denkmal zerstört, zerreißt eine Seite aus der Autobiographie, die von den Menschen in vielen Jahrhunderten geschrieben wurde." In Essen fehlt wieder eine Seite. Roland Kirbach