Von Matthias Schmidt

Wäre dies der Wilde Westen, so würde – wie aus Filmen wohlbekannt – nun die örtliche Bank überfallen. Der Zeitpunkt ist günstig. Ballater, eine typische schottische Kleinstadt, ist an diesem, für schottische Verhältnisse untypisch, sonnigen Donnerstagnachmittag menschenverlassen.

Nur wenige hundert Meter vom Ortskern indes, beim Monaltrie Park, sind Parkplätze Mangelware. Fahrzeugkolonnen säumen den Weg, bilden eine Wagenburg um die mehr als fußballfeldgroße, leicht verdorrte Rasenfläche. Ein Bierzelt und ein Karussell sind aufgebaut. Die Drehorgel wird von den ersten vorlauten Dudelsäcken übertönt. "He’s tunin’ his pipes", erklärt meine schottische Begleitung das Tun eines jungen Mannes, der sich da – standesgemäß gekleidet mit Rock, Kniestrümpfen und weißer Bluse – an seinem Dudelsack zu schaffen macht. Er wird im Verlauf der Veranstaltung viele Nachahmer finden.

Ballater, am Ufer des Flusses Dee in der Gemarkung Grampian gelegen, gut 45 Meilen westlich von Aberdeen, ist heute Austragungsort von "Highland Games", obwohl der Ort mit seiner geographischen Position gerade nicht mehr in den berühmten rauhen Highlands liegt. Was nichts zur Sache tut. Solche Spiele gibt es vielerorts in ganz Schottland und das von Ende Mai bis Mitte September. Im felsigen Westen des Landes freilich nur Sehr vereinzelt – ein Vermächtnis des Duke of Sutherland, der im 18. Jahrhundert verfügte, daß dort mehr Schafe als Menschen leben sollten. Was ihm eine böse Eintragung ins Geschichtsbuch einbrachte.

Die "Games" in Ballater finden immer an einem Donnerstag im August statt – seit 120 Jahren. Über vier Stunden, von 12.45 Uhr bis 17 Uhr, führen dann Schottentänzer, Dudelsackpfeifer, Schnelläufer und "heavies" den Juroren ihre Künste vor, wobei das Publikum von seinem Recht der Beeinflussung in der Regel lautstark Gebrauch macht. Die vier Wettkampfgattungen heißen "dancing", "piping", "track-events" (verschiedene Rennen) und "field-events", der Part mit den skurrilen Kräfte- und Geschicklichkeitstests, die aus den "Highland Games" die wohl drolligsten und derbsten Wettkämpfe der Welt machten.

Viele Teilnehmer sind von weither angereist; aus Spaß an der Tradition, um der Ehre willen und auch, um von dem Preisgeld, das je nach Disziplin und Platz zwischen 25 Pences und 35 Pfund beträgt, einige Münzen zu erheischen.

Die Popularität dieser Wettspiele war nicht immer ungebrochen.. Vor rund 20 Jahren prophezeite Bill Anderson, Champion im Schwergewicht, den Spielen, die in den dreißiger Jahren so verbreitet waren, daß in einem Radius von sechs Meilen angeblich vier "Games" veranstaltet wurden, eine düstere Zukunft: "In zehn Jahren ist alles vorbei." Und tatsächlich zählte die "Scottish Games Association" 1968 nur noch 24 Mitglieder. Man hatte in dieser Zeit wenig Sinn für Traditionelles, überdies waren die Spiele mit der Einführung der Vergnügungssteuer teuer geworden.