"Mein Taschenbuch", dieses Wunschkonzert aus meinen Lieblingsbüchern, dieses eine Mal wenigstens, soll es nicht zustande kommen. Bisher hatte ich ein zu friedliches Verhältnis zu meinen Büchern. Zehn Liebeserklärungen habe ich verfaßt, die offensivste an die italienische Journalistin Oriana Fallaci. Vergessen wir darüber nicht, daß wir in der Defensive leben! Von "The Day After" bis zur Apokalypse in Tankred Dorsts "Merlin": Bücher, Filme, Theaterstücke warnen vor der Bombe (und machen ein Geschäft mit ihr). Aber auch die Bomben selber warnen. Die Apokalypse, schreibt André Glucksmann (und bezieht sich auf die Offenbarung des Johannes), sei "ein Teil der Pädagogik Gottes". In der "Philosophie der Abschreckung" jedenfalls, verweist die Apokalypse "auf das Schlimmste, das geschehen kann, damit man sich davor hüte".

Wir haben in nur zwanzig Jahren einen weiten Weg zurückgelegt: Von der antiautoritären Erziehung, von A. S. Neills "Summerhill" zur Pädagogik des Abschreckens, vom pädagogischen Eros zum pädagogischen Terror. Der Wettersturz im kulturellen Klima soll diesmal auch die Kolumne treffen. Proben wir die Abschreckung. Zur (abermaligen) Lektüre empfohlen: Friedrich Nietzsche, "Der Antichrist".

Nietzsche hat seine Schrift als "Fluch gegen das Christentum" bezeichnet, in dem er Ansätze "zu einer buddhistischen Friedensbewegung" erkennt. Christus sei nur ein anderer Buddha. "Der frohe Botschafter starb nicht, um die Menschen zu erlösen, sondern um zu zeigen, wie man lebt" Was von ihm (nach Nietzsche) blieb, ist die Methode, sein modus vivendi. André Glucksmann: Nietzsche habe mit dem "Antichrist" nicht weniger als "das Manifest der deutschen Friedensbewegung vorweggenommen". Mit Nietzsches Schrift und diesem Christus, der friedlicher ist als sie selber, sei den Grünen eine Bibel und den Kernwaffengegnern "ein Manifest des Pazifismus" entstanden.

Natürlich ist das eine zynische Bemerkung. Nietzsche hat dieses Manifest zugleich vernichtet.Als Religion der Schwäche, als ein Décadence-Phänomen, als "größtes Unglück der Menschheit" beschimpft er das Christentum (und nun auch die Grünen, die Pazifisten, die Kernwaffengegner). Die Unfähigkeit zum Widerstand sei durch das Christentum zur Moral geworden: "Nihilist und Christ, das reimt sich, das reimt sich nicht nur." Nietzsche flucht: "Diese feige, femininische und zuckersüße Bande." "Der Antichrist": grüne Bibel und Buch der Abschreckung in einem. Front.

Schon in der "Dialektik der Aufklärung", auch ein (Fischer-)Taschenbuch, schrieben in dem Kapitel "Juliette oder Aufklärung und Moral" Adorno und Horkheimer über de Sade und Nietzsche: "Die dunklen Schriftsteller des Bürgertums haben nicht wie seine Apologeten die Konsequenzen der Aufklärung durch harmonistische Doktrinen abzubiegen getrachtet. Sie haben nicht vorgegeben, daß die formalistische Vernunft in einem engeren Zusammenhang mit der Moral als mit der Unmoral stünde. Während die hellen das unlösliche Bündnis von Vernunft und Untat... durch Leugnung schützten, sprachen jene rücksichtslos die schockierende Wahrheit aus." Nietzsche, abschreckend; aufklärend.

Vergessen wir darüber nicht, daß die Bombe ein ganz abnormer Gegenstand ist, uns immer mehr überragt und ins Theologische aufsteigt. Je mehr wir sie mystifizieren, desto weniger kann sie uns über ihre Schrecken aufklären. Schon ist es, wie es Peter Sloterdijk in seiner "Bombenmeditation", einem Kapitel seiner "Kritik der zynischen Vernunft",auch zwei (Suhrkamp-)Taschenbücher, beschreibt: "Wer ganz genau zusieht, dem kann es hin und wieder vorkommen, als lächelten Bomben spöttisch vor sich hin." Vielleicht auch auf diese Kolumne.

(Friedrich Nietzsche: "Der Antichrist..."; Wilhelm Goldmann Verlag, München; 251 S., 7,80 DM.) Helmut Schödel