Walter Mondale und Geraldine Ferraro wollen gemeinsam ins Weiße Haus einziehen – aber wehe, sie wirken wie ein Paar

Das gemeinsame Auftreten des neuen amerikanischen Kandidatenpaares erinnert fast an den Protokollzwang beim Konkordatstreffen zwischen Napoleon Bonaparte und Papst Pius VII. Imagesorgen begleiten den Anspruch auf Macht – heute wie damals. Seit Walter (Fritz) Mondale eine Frau zu seinem running mute erkor, sind die Strategen am Werk, der Partnerschaft gerecht zu werden. Was 1801 auf einer Landstraße außerhalb von Paris mit Kutschen orchestriert wurde, muß heute aus dem Stand gelingen. Was darf der Fritz mit der "Gerry"? Wer steht zuerst an der Tür zum Armeschwenken – der Präsidentschaftskandidat oder seine Vize-Dame? Soll er ihr die Wagentür öffnen? Redewendungen und Etikette, bisher von Männern gestaltet, werden umgeschrieben und neu ausgeklügelt.

Allein 14 500 Angestellte der Fernsehanstalten nahmen das neue Kandidatengespann in San Francisco für die Welt unter die Lupe. Geschichte ist gemacht worden, wie geht sie weiter? Im Video-Zeitalter, dessen Regeln Präsident Reagan besser beherrscht als jeder andere Politiker in diesem Land, ist die Selbstdarstellung des ersten gemischten Doppels von größter Bedeutung. Das wußte Geraldine Ferraro bereits, als sie zur Bekanntgabe ihrer Nominierung das Capitolspodium von St. Paul in Mondales Heimatstaat betrat: Hände weg, bloß keinen Kuß. Der traditionelle Politikersport, wie Schulterklopfen und Unterhakein, war streng verboten. Damit hatte das Anleitungsbuch, das jetzt geschrieben wird, sein erstes Kapitel.

"Mondale darf sie auf keinen Fall wie ein kleines Mädchen oder eine Porzellanpuppe behandeln, er kann nicht riskieren, väterlich oder herablassend zu wirken", meinte eine Wahlhelferin in Washington. Unbefleckt sollen sie den gemeinsamen Marsch aufs Weiße Haus beschreiten und die immer noch tiefsitzende Furcht, daß jede Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau sexuelle Hintergründe hat, wie die heilige Jungfrau behandeln. Die Ratgeber wollen die Kongreß-Abgeordnete aus Queens, für viele Amerikaner auch jetzt noch ein unbeschriebenes Blatt, vorerst alleine auf Wahlreisen schicken. Vor allem im frommen Land der Südstaaten, wo ihre Nominierung auf den größten Widerstand stieß, soll sie wie ein politischer Profi ihre Kandidatur als Frau bestehen. Und wenn schon ein gemeinsamer Auftritt nötig ist, dann bitte doch immer mit den Ehepartnern – so ängstlich ist man im Mondale-Lager. Denn Formfehler sind schon anderen Präsidentschaftskandidaten zum Verhängnis geworden. Als Ed Muskie bei den Vorwahlen in New Hampshire die Tränen kamen, weil man seine Frau öffentlich verleumdet hatte, verspielte er die Wählergunst.

Schon beginnt Mondales Wahl auch den politischen Sprachgebrauch zu verändern. Wie die Luchse sitzen die Image-Experten jetzt über Mondales Reden. Was in der 208 Jahre langen Geschichte der Republik als politisch gängige Sprache galt, wird jetzt im protokollarischen Neuland der Geschlechter ganz plötzlich zum peinlichen double entendre. Carter sprach gern von intimen Beziehungen, die er zu Mondale habe. Andere Politiker verwiesen auf ihren sauberen Rock, wenn sie die weiße Weste meinten. Und noch immer kennen viele amerikanische Männer überhaupt nur zwei Frauennamen: Honey und Darling.

Geraldine Ferraro ist seit sechs Jahren im Lehramt der politischen Umerziehung der Geschlechter. Im Kongreß hat sie bewiesen, daß weiblicher Charme feministischen Pragmatismus nicht ausschließt. Mondale hat gezeigt, daß heute der demokratische Pragmatismus eine Frau verlangt, um all jene Frauen zu gewinnen, die Begeisterung zeigten, als er seine Entscheidung bekanntgab.

Wie läßt sich die intuitive Erkenntnis, die dieses Paar vermitteln soll, darstellen? Eine falsche Handbewegung, ein schriller Ton wird Sein oder Fußnote in der Geschichtsschreibung bedeuten – so zart besaitet klingen unsere Strategen. Immerhin stimmen sie in einem überein: Die 1,63 Meter große Geraldine wird auch in Stöckelschuhen Fritz Mondale niemals überragen. Eine Frage weniger, die so mancher Präsidentschaftskandidat bisher mit seinem Vize hatte.

Barbara Ungeheuer