Marktführer Allianz zwingt nach dem Münchner Unwetter die Konkurrenz zur Kulanz

Versicherungsbedingungen sind es immer wert, genau gelesen zu werden. Das mußten in den letzten Wochen auch einige vom Hagelschlag am 12. Juli hart betroffene Münchner erfahren. Denn einige Versicherungen versuchten zunächst, sich angesichts zerborstener Glasscheiben, abgedeckter Dächer und von den Wassermengen zerstörter Inneneinrichtung auf die sogenannte "Sturmklausel" in den Versicherungsbedingungen zu berufen.

Kompliziert und ausführlich heißt es erst einmal, daß in der Sturm- wie auch in der Glasbruchversicherung "Schäden durch Eindringen von Regen, Hagel, Schnee oder Schmutz in nicht geschlossene Fenster oder andere Öffnungen, es sei denn, daß diese Öffnungen durch den Sturm entstanden sind", nicht enthalten seien. Und weiter wird vermerkt, daß die Sturmversicherung in der Regel nur dann in Kraft tritt, wenn eine "wetterbedingte Luftbewegung von mindestens Windstärke 8" festgestellt werden konnte.

Da bot sich ein feines Schlupfloch an. Denn der Hagel allein reichte nicht aus. Wenn es irgendwo nicht Windstärke 8 gegeben hatte, war die Versicherung fein raus – und der Versicherte der Dumme.

Solchen Überlegungen aber wurde schnell ein Ende gemacht, weil der Marktführer, die Allianz, dieses Spiel verdarb. Im Hause der Allianz-Verwaltung in der Münchner Königinstraße erkannte man wohl, daß die oft genug kritisierte Branche hier eine einmalige Chance hatte, etwas für ihren guten Ruf zu tun. Der Spitzenreiter mit mehr als zwanzig Prozent Marktanteil im Münchner Raum gab deshalb von Anfang an die verbindliche Erklärung ab: "Wir zahlen in jedem Fall und prüfen nicht im einzelnen nach, wie stark der Wind war."

Und damit das auch jeder erfuhr, wurde in den Münchner Tageszeitungen eine großflächige Anzeige geschaltet: "Allianz an alle Kunden: Wir zahlen." Den "lieben Mietern und Eigentümern" wurde versichert: "Wenn Sie bei uns sturm- oder glasversichert sind, übernehmen wir die Katastrophenschäden vom 12. 7. an Gebäuden, Verglasungen und Hausrat, egal, ob sie durch Sturm oder Hagel entstanden sind." Damit hatten es die Kunden schwarz auf weiß. Und auch für die Abwicklung sicherte Hans Seyfried Großzügigkeit zu: "Wir wollen hier nicht sophistisch sein." Bei Schäden bis zu 2000 Mark genügt es, die Schadensanzeige zusammen mit der Rechnung einzureichen.

Den anderen Unternehmen bleibt jetzt gar nichts anderes übrig, als es der Allianz an Kulanz gleichzutun. Bei der Bayerischen Versicherungskammer, die sich ebenfalls frühzeitig entschlossen hatte, die Windstärkeklausel nicht anzuwenden, kommentierte Pressesprecher Christian Kaufmann: "Bei Windstärken zwischen sechs und elf zwischen Mindenheim und Altötting hat es doch keinen Sinn, hier Unterschiede für einzelne Orte dazwischen zu machen."