Heftchenwelt

ARD, Samstag, 28. Juli, 13.45 Uhr: "Liebesleid und Gruselkrimi" – Über Romanhefte und ihre Leser. Film von Manfred Bannenberg

Die alte Frau sagt "Geo-offri", wo sie englisch Geoffrey sprechen müßte. Sie weiß es nicht besser. Woher auch? Vermutlich ist sie nie in England gewesen, vielleicht hat sie ihre Staat nie wirklich verlassen. Sie steht, einen grünen Hut auf dem Kopf, in einem Laden in Hannover-Linden und liest für die Fernsehkamera ein paar Sätze aus einem Gruselroman vor.

Die alte Frau nimmt das Heft und gleich achtundzwanzig andere dazu, alles zusammen für zwanzig Mark, genug für einen Monat schlafloser Nächte. Sie stopft den Lesestoff in eine rote Plastiktüte.

Der türkische Taxifahrer, der seit zwanzig Jahren in Deutschland lebt, beschreibt seine Woche in zwei Sätzen: "Sechs Tage fahre ich, einen Tag mach’ ich mein Auto." Auf diese Weise bestreitet er den Lebensunterhalt für Frau und Kind. In den vielen Stunden, die er in seinem Wagen auf Kunden wartet, liest er, "um Weltbild zu erweitern", Gruselromane.

Er kann die Heftchen-Menschen verstehen, "die sind nicht so kompliziert". So geht er zwischen seinen Touren auf die Reise, fliegt an Mars und Venus vorbei, sieht in Texas dem Sheriff über die Schulter, stolpert in den schmutzigen Kellern New Yorks über warme Leichen.

"Was in mir vorgeht?" wiederholt der Schlosser die Fernsehfrage nach seinem Rezeptionsverhalten. "An sich gar nix." Auch er ein Heftchenkonsument. Wir sehen ihn im Wohnzimmer sitzen, den Kopfhörer auf, während er, "der alles liest, was es zu lesen gibt: Science-fiction, Western, Comics, Sex, Pornos", sich der Lektüre widmet und seine Frau die Hemden bügelt, denn "einer muß die Sachen ja in Ordnung halten". Nein, sie lese nicht, nur ab und zu mal, Arztromane, zwei bis drei Seiten, vor dem Einschlafen.

Der Film, aus dem diese Beispiele stammen, entführt uns – fast unzeitgemäß im Zeitalter der Zombie-Videos – in die schwarzweiße Welt der Groschenromane. Hannover-Linden ist überall, merken wir schnell, überall dort, wo die Viertel nicht die feinsten sind, wo die Imbißhallen mit Palmentapeten ausgeschlagen sind, wo in U-Bahn-Schächten Akkordeonspieler Kapitänsmützen tragen und Seemannslieder schmettern. Der Film zeigt einen Ausschnitt aus dem Leben einfacher Leute und ihrer Kultur: Trivialkultur.

Heftchenwelt

Manfred Bannenberg begnügt sich nicht mit den Lesern. Er stellt auch eine Autorin vor. Rosemarie Schmitz-Butz oder so ähnlich heißt sie, ihren Namen nennt sie nicht gern, sie schreibt Pseudonym. Drei Monate braucht die Hausfrau für ein Werk, die ersten vierzehn Seiten schreibt sie meist in einem Rutsch, "da weiß ich gar nicht, was ich schreibe". Für jeden Roman nimmt sie "fünf bis sieben Personen, nicht mehr", und teilt sie ein: "die Guten, die Bösen und dann kommen schon ganz automatisch die Verwicklungen".

Die Bedeutung der so produzierten Ware kennt sie sehr genau: "Der Frauenroman hat eine Trostfunktion. Da ist einfach mal alles in Ordnung." Am Anfang natürlich nicht, da entstehen die Wünsche, die am Ende dann erfüllt werden.

Manfred Bannenberg ist es in seinem Film überzeugend gelungen, aus einem Ausschnitt deutscher Lesewirklichkeit heraus ein Bild sozialer Realität zu entwerfen. Trivialkultur als Flucht aus der Tristesse des Alltags – und doch ist diese Lektüre, dieses Sich-Versenken in eine ferne, fremde Welt auch ein Hinweis auf die verborgenen Energien, die verkümmerte, unterdrückte Kraft der Phantasie im Leser. Das bunte Nirgendwo der Heftchen-Welt, das zeigt der Film, liegt nahe bei dem Ort Utopia. Ulrich Stock