Überdreht

"Da steht der ganze Freeway kopf" von John Schlesinger. Weil dem kleinen Florida-Kurort Ticlaw – trotz Bestechungsgeldern an die Regierung – keine eigene Ausfahrt vom neuen Freeway zugestanden wurde, greifen die frustrierten Einwohner zu grotesken Formen der Selbsthilfe. Um die Touristen auf ihre Main Street zu locken, streichen sie ihr ganzes Nest kurzerhand pinkfarben an, werben mit einem Wildpark, der einen müden Löwen und einen wasserskifahrenden Elefanten beherbergt, und sprengen schließlich sogar eine Fahrbahnbrücke. Der englische Regisseur John Schlesinger ("Darling", "Asphalt-Cowboy") hat mit "Honky Tonk Freeway" (so der Originaltitel) eine zynische Farce auf die amerikanische Highway-Kultur gedreht. Rund zwanzig Akteure (u. a. Beau Bridges, Hume Cronyn, William Devane, Paul Jabara, Ten Garr, Deborah Rush) werden mit ihren jeweiligen Macken "entblößt" und derb karikiert: Ein soziopsychologischer Striptease von Plastikfiguren, bei dem nur Geraldine Page als prüde Nonne, Jessica Tandy als alternde Alkoholikerin und Beverly D’Angelo als Nymphomanin, die eine Urne mit der Asche ihrer Mutter nach Miami Beach überführen will, kleine darstellerische Kabinettstückchen bieten. Bei diesem so furios überdrehten wie letztlich ziellosen Slapstick-Rundumschlag auf die Absurditäten des american way of life scheint das Finale fast folgerichtig: Ein komplettes Crash-Chaos, bei dem Autos und Protagonisten vollends auf der Strecke bleiben. So erfreulich es ist, wenn ein kleiner Verleih zwei etwas ältere Filme renommierter Regisseure endlich auch hierzulande ins Kino bringt (das andere Beispiel ist Lindsay Andersons "Britannia Hospital"), so ärgerlich wird es, wenn in beiden Fällen durch mäßige Synchronisation und unverständliche Kürzungen der möglicherweise hintergründigere und bösartigere Witz des Originals weitgehend verschenkt wird. Helmut W. Banz

Harmlos

"Harry & Son" von Paul Newman. Ein gut gemeinter Film, ein Film für die ganze Familie, für die gesamte Nation gar, denn wie sonst sollte man den Untertitel interpretieren: "Ein Konflikt, der alle betrifft"? Hat nicht schließlich jeder Vater einen Sohn, der nach Höherem strebt und die triviale Alltagswelt lieber ignoriert? Und wo gibt es ihn nicht, den Krach zwischen Vater und Tochter, der darin seinen Höhepunkt findet, daß das Familienporzellan in tausend Scherben auf dem Fußboden landet? Schließlich die Romanzen: frühes Leid und spätes Glück. Alles ist anrührend und nett. Ein ungetrübtes Happy-End jedoch, das bei früheren Hollywood- und natürlich auch deutschen Filmen den Zuschauer erleichtert aus dem Kino entließ, gibt es, spätestens seit "Zeit der Zärtlichkeit" von James L. Brooks, nicht mehr. Alles, ist gut gemeint und sogar höchst aktuell, denn Harry kommt nur deshalb in eine Lebenskrise, weil er arbeitslos geworden ist und die Welt nicht mehr versteht. Paul Newman wirkt als tobender und von Herzinsuffizienz geplagter Vater zwar nicht glaubwürdig, aber sympathisch.

Anne Frederiksen

Beachtlich

"At – Mein Pferd" von Ali Özgentürk spielt, zu Beginn, in der fernen Osttürkei. So schön die Landschaft, – mit ihren hellen Brauntönen, ihren sanften Wellen – so hart ist das Leben dort. Für Optimismus bietet es wenig Raum. Der Vater (Genco Erkal, bekannt aus "Eine Saison in Hakkari"), der seinem Sohn ein besseres Leben sichern will, muß fort. Das ferne Istanbul lockt, und er zieht los, mit dem Jungen (Harun Yesilyurt), der am Bosporus die höhere Schule besuchen soll. Die Stadt jedoch, in der sich Blaue Moschee, Topkapi Serail und Münzturm wie erhabene Fremdkörper ausnehmen, ist von verwirrender Betriebsamkeit. Da passiert es dem Vater, der inzwischen sein Geld als fliegender Gemüsehändler verdient, schon mal, daß er sich – verfolgt von Erpresserbanden – in den engen Gassen verläuft. Der Regisseur, der die traurige Realität einer aussichtslos übervölkerten Stadt schonungslos erzählt, findet auch elegische und fast surreale Bilder. Elegisch, nicht kitschig ist es, wenn Vater und Sohn lange am Bosporus sitzen, der Himmel langsam seine Farbe verändert und der Mond sich zeigt. Und an Kafka denkt man unwillkürlich, wenn ein Behördenmensch, vergraben in Akten und Büchern, in unendlicher Arroganz Vater und Sohn abweist. Es steckt viel Kritik in diesem Film: an den Verhältnissen in der Türkei, an Macht- und Abhängigkeitsstrukturen überhaupt, aber diese Kritik ist undramatisch, leise. Anne Frederiksen