Regierung und Gewerkschaft in Großbritannien lehnen jeden Kompromiß ab

Von Wilfried Kratz

Frustrierte Fahrer, die mit ihren Lastwagen seit Tagen in Dover festsaßen, – erzwangen mit Brachialgewalt die Öffnung des Hafens. In London hörte Margaret Thatcher die Nachricht von dem beginnenden Zusammenbruch des nationalen Hafenstreiks. Sie wartete den Kollaps dieser für sie gefährlichen zweiten Front gar nicht erst ab, sondern blies sofort zum Angriff an der Hauptkampflinie, dort, wo sich die Bergleute in einen nun bald fünf Monate währenden Streik eingegraben haben.

Angefeuert von den "Falken" in der Partei und Presse erhoben sich auch die Minister der konservativen Regierung aus der Reservestellung und begaben sich in die Propagandaschlacht. Sie wollen die Bergarbeitergewerkschaft isolieren, ihre Forderungen als extrem unvernünftig hinstellen und ihren Streik als einen eindeutig politisch motivierten Kreuzzug ihres marxistischen Führers Arthur Scargill brandmarken, der seine "Sturmtruppe" von einigen tausend Mann einsetzte, um die öffentliche Ordnung zu untergraben und eine demokratisch gewählte Regierung zu stürzen.

Befreit von der Rücksichtnahme auf die Lage in den Häfen, von wo der ganzen Inselwirtschaft schwere Störungen drohten, hat Frau Thatcher jede Zurückhaltung abgelegt. Sie ist nun wieder ganz in der kämpferischen Pose der Eisernen Lady, die der Nation Patriotismus und, daraus folgend, Gefolgschaft abverlangt mit dem Argument, eigentlich bedroht sei die Verfassung, das parlamentarische System, der Rechtsstaat. Sie ruft den Falkland-Krieg in Erinnerung, als man den "äußeren Feind" in Gestalt des faschistischen Argentiniens habe besiegen müssen. Nun gelte es, den "inneren Feind" zu schlagen, der "schwieriger zu bekämpfen ist und eine größere Gefahr für die Freiheit darstellt". Jeder weiß, wer gemeint ist. Ein Minister setzte Scargill mit dem argentinischen General Galtieri gleich und verkettete den unglücklich und hilflos operierenden Labourführer Neil Kinnock mit dem revolutionären Bergarbeiterführer.

Blutige Zusammenstöße

Nicht zum ersten Mal spitzt sich in Großbritannien ein Arbeitskampf zu einer Kraftprobe zwischen Gewerkschaften und Regierung zu. Dieser Kohlestreik – wie schon andere in der jüngeren Vergangenheit – gehört in diese Kategorie, aber er hat eine für die Briten bisher unbekannte Dimension angenommen. Er hat die Streikenden und ihre Familien, die kein Streikgeld und nur minimale soziale Unterstützung erhalten, schweren Entbehrungen ausgesetzt. Er hat die traditionell starke Solidarität in Revieren zerbrochen, wo Kumpel arbeiten oder arbeiten wollen und von Kollegen daran gehindert werden, oft durch Einschüchterung, Bedrohung und Gewalt.