"Stimmen – Romancollage", von Vladimir Makanin. Vladimir Makanin nennt sein Buch "Romancollage". Er hat vierzehn scheinbar unzusammenhängende längere und kürzere Texte unter dem Titel "Stimmen" aneinandergefügt. Sie enthalten Autobiographisches aus Kindheit und Jugend des 1937 im Ural geborenen Autors, Episoden aus dem Moskauer Alltag, Legendäres, Traumgeschehen, hintersinnige Anekdoten, literarische Reflexion; und sie erzählen von den "Schwierigkeiten des Schreibens", von der schieren Unmöglichkeit, "die Lebenden und Lebendigen in einen Roman hineinzuzwingen. Sie leben ihr Leben außerhalb des Romans, außerhalb aller Romane der Welt". Die Vokabel Stimme wird in verschiedener Bedeutung gebraucht: Sie steht für die nicht nur Schriftsteller bedrängende Imagination, sondern auch für jene unerklärliche und beglückende, plötzlich gesteigerte Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit, die für Augenblicke Lebensintensität schenkt. Und schließlich geben die Stimmen auch Anstöße von außen: sich eigener Verhaltensweisen bewußt zu werden und die anderer zu verstehen. Zusammengehalten wird das Ganze durch die Art, in der Makanin seine Betroffenheit äußert: Er distanziert sich durch spöttish-bagatellisierendes Understatement von dem, was er mitzuteilen sich gedrängt fühlt. Auf diese Weise wird der Leser zum Kompagnon der Überlegungen und Skrupel des Autors. (Aus dem Russischen von Alexander Kaempfe; Neuer Malik Verlag, Kiel, 1983; 190 S., 29,80 DM.)

Heddy Pross-Weerth

"Wie den Frauen der Faden aus der Hand genommen wurde. – Die Spindel der Notwendigkeit", von Gerburg Treusch-Dieter. "Welche geschichtliche Erfahrung von ‚techne‘, von weiblicher List und weiblichem Können werden in der Maschine zum Verschwinden gebracht?" Fragen dieser Art verlangen diskurstheoretische Anstrengungen, denn sie rühren an die selbsterrichteten und ungesagten Voraussetzungen unserer Geschichte. Treusch-Dieter greift in ihrem Buch auf Mythen und Märchen zurück und versucht so, Geschichten gegen die Macht der Geschichte zur Auskunft über Struktur und "Verschwinden" weiblicher Produktivität zu bewegen. Als Beispiel fungiert das Spinnen. Der Mythos von der Spindel der Notwendigkeit (Platon) wird in ihrer Rekonstruktionsarbeit zum Tatort: Sie zeigt, wie jenes Erkenntnisverbot konstituiert wird, das sich über den Anteil weiblicher Arbeit beim Anspinnen der Schicksalsfäden legt. Das Märchen von der "faulen Spinnerin" berichtet von der Verweigerung gegenüber dem Verwertungshunger männlicher Produktion. Das Können, das "die drei Spinnerinnen" im gleichnamigen Märchen gerade noch besitzen, wird bald darauf die wesentlichen Funktionen der ersten Spinnmaschine ausmachen, von der wiederum die industrielle Revolution ihren Ausgang nimmt. Ein listiges, denklustiges Buch über eine verborgene Seite der Industrialisierung, wichtig in der Debatte um Differenzqualitäten weiblicher und männlicher Arbeit im historischen Prozeß. (Verlag Ästhetik & Kommunikation, Berlin, 1983, 176 S., 28,– DM.) Ulrike Haß