Düsseldorf: "Fabula docet – Illustrierte Fabelbücher aus sechs Jahrhunderten"

Die Fabel lehrt, kleinere Schwester der Metamorphose und so viel reicher begabt. Von Menschentieren und Tiermenschen spricht sie, ist Nutz und Kunst, ist "Kurtzweil und Gelechter", wie Luther befand. Wer lehrt sie? Der Weise, sagen die Alten. Wen lehrt sie? Die Weisen, sagen wiederum die Alten, denn die Dummen sind unbelehrbar. Aber sind wir’s nicht alle? Wem fiel noch nicht der Käse aus dem Schnabel! Und wem zerschellten nicht Luftschlösser beim Stolpern über einen Kieselstein? Gewiß: Das Salz der Wahrheit erkennt nur, wer schon davon gekostet hat. So streuen sie es auf unsere Zungen, körnchenweise, die Philosophen und Satiriker, die Dichter und Sittenprediger, die Schriftgelehrten und Gleichniserzähler, wie einst Aesop einer gewesen, der stotternde Sklave am Hof des Griechenkönigs Croisos, dessen bucklige Häßlichkeit die Illustratoren aus dem Mittelalter mit Freude in den Druckstock schnitten. Die früheste deutsche Übersetzung von Heinrich Steinhöwel, anno 1482, bildet den Auftakt einer Ausstellung der Herzog August, Bibliothek zu Wolfenbüttel, die auf ihren Stationen – zu Beginn kommenden Jahres wird es Zürich, dann Karlsruhe sein – sich keinesfalls nur an die Philologen und Bibliophilen wendet. (Aus konservatorischen Gründen ist das Konvolut von Stadt zu Stadt Änderungen unterworfen). 170 Bücher, Erstausgaben des Spätmittelalters, Renaissance-Inkunabeln, Preziosen des 17., 18. Jahrhunderts bis hin zu Viktorianischen Kinderbüchern und den bunten Fibeln heute mit den Augen zu durchblättern, kann auch Lust des Kunstfreundes sein, den die Illustrationen fesseln. Wie im Zuge zivilisatorischer Veredelung die oft hölzerne Volksmär, darin "so schendliche und unzüchtige Bubenstück dareingemischt" (Luther) zur Kunstdichtung poliert wird und unter der Maserung der antike Kerngedanke klarer zutage tritt, wie sich stilistische und erzählerische Finesse im sprachlichen Kunstwerk niederschlägt, so folgt auch die Illustration, die Bildinterpretation, dem ästhetischen Wandel. Ein Höhepunkt in Frankreichs "grand siècle" La Fontaines Tierfabeln ad usum delphini mit leichtester Feder übers Papier geblasen, um das kindliche Auffassungsvermögen des Dauphin, Sohn Ludwigs XIV., nicht allzusehr zu belasten. Kongenial zu verbildlichen, eilten und eilen sie immer wieder herbei, all die Chodowiecki, Dorf Kaulbach, Grandville, sich ganz von der literarischen Vorlage lösend, so wie Goethe im "Reineke Fuchs" zum poetisierenden Wanderstab griff; und später Cruichshank, Lurcat, Marcks, Hegenbarth und Chagall: "Es war einmal... Schau hin schau her/Nun gibt’s keine fabeln mehr" – wo die Modernen mundfaul, sehnt sich der Literaturfreund nach La Fontaines "glattrasiertem Lächeln" (Karl Voßler). (Goethe-Museum bis 12. August, Katalog 25 Mark)

Ursula Voß

Bremen: "Reinhard Drenkhahn"

"Nur das machen, was man weiß", steht auf einer kleinen Skizze Reinhard Drenkhahns aus dem Jahr 1958. Aber wessen ist man sich wirklich sicher? 1953, siebenundwanzigjährig, vernichtete Drenkhahn alle Bilder, die in meinem Atelier waren. Nur wenige – Landschaften, Porträts, Stilleben – aus der Zeit davor, die er nicht erreichen konnte, blieben verschont. Nach dieser Vernichtungsaktion konzentrierte Drenkhahn sich auf wenige Motive: Tierschädel, Wurzeln, Steine, Strandgut, den Ofen, der sein Atelier heizte. Dieser Dinge wenigstens, so scheint es, versuchte Drenkhahn sich in seinen Bildern zu vergewissern; malte sie wieder und wieder und bildete eine zunehmend abstrakte Formensprache aus. Der Mensch taucht fast gar nicht mehr in: seinen Bildern auf. Strandläufer, die er entfernt am Horizont über das Watt laufen sah und in einer Zeichnung festhielt, sie werden in seinen Gemälden zu Erscheinungen, zufälligem Strandgut gleich. Trotzdem, gerade diese fremdartigen Gestänge, sie scheinen zu agieren, zu leben. "Steine" (1955) wie Runen, wispernd und raunend stehen sie sich gegenüber. Christus am Kreuz: Symbol für die Vergebung der Schuld, auch für das Leid, das stellvertretend ertragen wird; in Drenkhahns "Leitermann" (1957) ist dieser Christus fremd geworden, nicht länger spendet er Trost. Die Gestalt, aufgelöst in nadelspitze Striche, gekrümmte Linien, droht zu zerbrechen. Nachdem er im März nach Kopenhagen und Paris gereist war, um Ausstellungen vorzubereiten, nahm Reinhard Drenkhahn sich 1959 das Leben. (Kunsthalle bis zum 12. August, Katalog 12,– Mark.) Elke von Radziewsky

Wichtige Ausstellungen

Berlin: "Von Frans Hals bis Vermeer – Meisterwerke holländischer Genremalerei" (Museum Dahlem bis 12. 8., Katalog 40 Mark)