Vermischte Kunst-Nachrichten aus Hamburg: Von einer "bedrohlichen Zukunftsperspektive" sprachen die Direktoren der sechs Hamburger Museen, die, eben wegen dieser Situation, in dieser Woche zu einer Pressekonferenz einluden. Die Hamburger Museen, ohnehin ärmlich dran im Vergleich zu den Häusern in Berlin, Köln oder Stuttgart, mußten 1981/82 schon das Einfrieren des Etats für Stellen und für die "Fachausgaben" (von denen sie alles von der Ausstellung über die Bibliothek bis zum Ankauf bestreiten müssen) hinnehmen. Nun droht für 1985 eine weitere "Abschmelzrate" von vier Prozent.

Die Hamburger Kultursenatorin Helga Schuchardt, an deren Adresse diese Zustandsbeschreibung der Museumsdirektoren in erster Linie gerichtet war, hatte ein paar Tage zuvor schon einen anderen Notstandsbericht erhalten, einen Brief der "Arbeitsgemeinschaft Hamburger Galerien". Inhalt: Die Hamburger Galerien blasen eine für September geplante Ausstellung ab, in der, auf ihre Initiative hin, in einem alten Lagergebäude "Zeitgenössische Kunst aus Hamburger Privatbesitz" gezeigt werden sollte. Die Behörde wollte diese Ausstellung nicht nur mit 100 000 Mark unterstützen, sondern sah aus den Hinterhofhallen auch schon ein preiswertes Museum für moderne Kunst wachsen. Was sie aber nicht genügend sieht, ist die Tatsache, daß Hamburgs Galerien (man kann sie ohnehin an zwei Händen aufzählen) in ihrer Existenz bedroht sind. Die Galerien werden zunehmend aus den für sie günstigen, zentral gelegenen Stadtteilen vertrieben, weil hier zwar "Freiberufler" wie Ärzte und Anwälte, aber keine "Gewerbetreibenden" wie Kunsthändler ihrer Arbeit nachgehen dürfen. So bestimmt es ein Ortsamt und empfiehlt die Vororte.

Für die letzte Nachricht schließlich sorgte Frau Schuchardt selber: Strahlend trat sie mit Joseph Beuys auf einer Pressekonferenz auf ("wie Verliebte", stellte die taz fest) und verkündete ihr Ja-Wort zu einem Projekt, mit dem die gute alte "Kunst am Bau" unter dem Schlagwort "Kunst im öffentlichen Raum" frischen Wind bekommen soll. Und für viel Wind ist der Entertainer Beuys immer gut (eine Ausstellung des Künstlers Beuys zu fördern, wäre zwar verdienstvoller, aber weniger publicityträchtig).

Joseph Beuys nun will auf den sogenannten Spülfeldern am Rande des Hamburger Hafens Pflanzen säen und Bäume setzen (außerdem ein Öko-Büro in der City einrichten). Die Pflanzen sollen, so Beuys, nicht nur schön grün aussehen, sondern das Absickern des Giftes, das in dem aus der Elbe gebaggerten und hier abgelagerten Schlick und Sand steckt, in das Grundwasser verhindern. Kosten: 400 000 Mark (rund 20 000 Mark hat Beuys schon investiert, zum Beispiel in Samen).

Wer zu den Spülfeldern will, verheddert sich zunächst heillos im Hamburger Hafengebiet, in den Auf- und Abfahrten der Autobahn A 7, ist dann, ein Stockwerk tiefer, unter und neben den dröhnenden Straßen verloren zwischen Container-Depots, Feldwegen, Hochspannungsmasten, Apfelbäumen und Sackgassen. Schließlich findet er, eine beklemmende Idylle, die Altenwerder Kirche mit Friedhof, und auch Spülfelder (es gibt ziemlich viele in dieser Gegend). Gespenstisch sind hier aber nicht so sehr diese Felder (deren oft helle Sandflächen teilweise jetzt schon üppig begrünt sind), gespenstisch ist das Nebeneinander von Industrielandschaft und den Resten eines zerstörten Lebensraumes. Die Vororte Moorburg und Altenwerder nämlich, seit Generationen besiedelt von Bauern und Handwerkern, wurden in den letzten Jahren von der Hamburger Regierung mit ungeheurer Brutalität entvölkert, zerstört, zum Hafen-Aufmarschgebiet umgerüstet. Und nun soll ausgerechnet hier mit ein paar grünen Kunst-Pflänzcnen (die, wie jeder Botaniker weiß, das Gift durchaus nicht neutralisieren) alles wieder gut werden. Daß diese "Kunst im öffentlichen Raum" für die Öffentlichkeit kaum erreichbar und eigentlich nur per Tritt auf die Bremse von der Autobahn aus zu sehen sein wird, sei nur am Rande vermerkt.

Daß die Kunst ein 400 000-Mark-Pflästerchen auflegen soll, dessen Bezahlung allenfalls dem Umwelt- oder Wirtschaftssenator, besser noch der Industrie zukäme, ist ein doppelter Zynismus angesichts der allgemeinen Großwetterlage der Kunst in Hamburg. Wenn Joseph Beuys wüßte, daß der gesamte Jahresetat der Hamburger Kunsthalle 500 000 Mark beträgt, dann würde er die 400 000 Mark der Kulturbehörde vielleicht nicht mehr so gern verplanen. Aber: "Hier geht es nicht um ein nur kulturpolitisches, sondern um ein bewußt politisches Projekt", sagte Helga Schuchardt. Ein denkwürdiger Satz, in dem das Wort Kunst nicht vorkommt. Das Stück, in dem Helga Schuchardt und Joseph Beuys als Verliebte grüßen, ist nicht, wie die Hamburger CDU (die auch noch unterstellt, Beuys wolle sich um 400 000 Mark reicher machen) törichterweise meinte, aus einem Tollhaus. Das ist wirklich eine unangemessene Übertreibung: Es geht hier alles mit ganz normalen Dingen zu. Petra Kipphoff