Die Reise zur Leistungsschau der deutschen Wirtschaft in Tokio dürfte der großen Mehrheit der nach Japan geeilten Manager die Erkenntnis beschert haben, daß das Handelsdefizit mit Japan nur noch durch ein Informationsdefizit übertroffen wird, das bei vielen deutschen Unternehmern immer noch über den schärfsten Weltmarktkonkurrenten besteht. Wer, außer einer Handvoll meist wirtschaftlich desinteressierter und technologisch nicht vorgebildeter Japanologen, beschäftigt sich in der Bundesrepublik schon intensiv und kontinuierlich mit Deutschlands Angstgegner in Fernost?

Die Klage über die japanische Herausforderung gehört inzwischen zwar fest zum deutschen Managervokabular. Aber ein Japan-Mythos führt im harten Geschäftsalltag ebensowenig weiter wie die vor wenigen Jahren noch verbreitete Unterschätzung japanischer Potenz in Wirtschaft und Technologie. Nicht selten wird Unkenntnis sogar zur Tugend stilisiert. Im japanischen Wirtschaftsleben sei alles so anders, daß sich der aufwendige Versuch, auf dem zweitgrößten Markt der Welt Fuß zu fassen, doch gar nicht bezahlt mache.

Selbst unerschrockene deutsche Topmanager mit ausgewiesenen Japan-Ambitionen gaben während der Leistungsschau zu Protokoll, erst jetzt über den japanischen Markt und nicht nur über den japanischen Konkurrenten nachzudenken. Diesen Denkprozeß zu fördern, müht sich ein kurz vor der Leistungsschau erschienenes Kompendium:

Leitfaden zur Erschließung des japanischen Marktes. Herausgeber Professor Dr. Ivan Botskor; Bearbeiter Dr. Max Eli, Japaninfo-Verlag 7912 Weissenborn, 1984, Preis DM 169.

Auf über dreihundert Seiten in DIN-A4-Format wird vor allem dem Praktiker, der der Leistungsschau nun erste Taten in Japan folgen lassen will, ein Schnellkurs über Japans schwierigen Markt offeriert. Dazu hat der Verlag, der das "Japaninfo" als regelmäßig alle drei Wochen erscheinenden Informationsdienst herausgibt, zusätzlich 17 Fachleute mit Japan-Erfahrungen zu den verschiedensten Aspekten von Wirtschaftsstruktur über Markthürden bis hin zu Ratschlägen für den Umgang mit Nippons Behörden aufgeboten.

Deren bisweilen recht treuherzig wirkender Eifer bei der Interpretation japanischer Exotik enthüllt nicht selten ebensoviel über das ferne Nippon wie über den Autor und seine ganz private Horizontverengung als Folge eines vielleicht zu langen Japan-Aufenthalts. Über den japanischen Verbraucher erfährt der Leser dagegen zu wenig, über wichtige Glieder der Wirtschaftsgesellschaft – wie etwa die Gewerkschaften – überhaupt nichts. Ob man die Bürokratie mit Präsenten bei Laune halten darf, ist den Bearbeitern eine eigene Erörterung wert; eine Detailskizze des Miteinanders von Administration und Industrie bei der Abwehr von ländischer Markteroberungsversuche findet sich dagegen nicht. Den Handelshäusern gehört die ganze Hinwendung des Leitfadens, nicht aber den Hausfrauen als Entscheidungsträgern in weiten Bereichen der japanischen Konsumgesellschaft.

Wer sich allzu schulmeisterliche Instruktionen ersparen will, findet dank vorzüglicher Gliederung an anderer Stelle wichtige Hinweise, die vor einem ersten Schritt nach Japan beachtet werden müssen. Hier liegt die Stärke dieses Leitfadens zur Erschließung des japanischen Marktes. Obwohl inhaltlich nicht neu, sind wichtige Aspekte des Marktes derart praxisbezogen selten zusammengetragen worden.

Helmut Becker