Von Harry Press

In einem der letzten Briefe aus Toronto, die der vorliegende Band enthält, bedankt sich Walter Bauer bei dem Empfänger Otto Röders für den Aufsatz von Horst Krüger über die "letzten Freien einer freien Gesellschaft", die Schriftsteller. "Sie haben mir mit dem Aufsatz eine Art Helfersdienst erwiesen. Krüger bemerkt an einer Stelle seines Aufsatzes: ... hätten wir Deutsche wenigstens soviel Respekt vor der Literatur, wie es die Franzosen, die Polen, die Russen und die Engländer haben, so würden diese dreihundert eine geistige Macht, eine öffentliche Autorität darstellen, auf die man hört, die man respektiert, auch an den Spitzen des Staates.

Mir scheint, hier ist der Wunsch der Vater des Gedankens; und im Rußland und Polen von heute stellen die Schriftsteller durchaus keine öffentliche Autorität dar; sie liegen an der Kette, die nicht wenige nicht einmal als Kette empfinden. Auch hege ich Zweifel, ob Schriftsteller heute in Frankreich und England eine öffentliche Autorität darstellen. Und was Westdeutschland angeht: Die meisten öffentlichen Äußerungen von Heinrich Böll zum Beispiel sind, von hier aus und von mir gesehen, unglücklich, schief, um nicht mehr zu sagen. Doch was Krüger über die Lebensbedingungen von Schriftstellern sagt, ist erschütternd. Ich glaube nicht, daß sich das ändern wird. Mein Leben hier hat mich, um das noch hinzuzufügen, ziemlich nüchtern gemacht; ich meine, was die Rolle, die öffentliche Rolle von Schriftstellern angeht. Voltaire heute? Unvorstellbar. Brechts politische Stücke sind völlig unwirksam außer für Sympathisanten, und die meisten von ihnen denken und leben hinter dem Monde. Johannes R. Becher schrieb mir zur ‚Stimme aus dem Leunawerk‘, wünschte mir Glück und war beeindruckt; aber, so setzte er hinzu, die Zeit werde bald kommen, wo die Schreibmaschine mit dem Maschinengewehr vertauscht werden müßte. Ich glaubte das, gemäß meiner Überzeugung. Tat er es? Ich habe nur gehört, daß er nach Sowjetrußland ging und dort überlebte. Starb Brecht für die Sache des, Proletariats? Ich spreche nicht von den heroischen Träumern, die im Spanischen Bürgerkrieg starben. Hier hat ein engstirniger kanadischer Nationalist, Prof. Matthew, einen Gedichtband veröffentlicht, in dem er von der blutigen Revolution spricht, die hier kommen wird. Der gute Mann hat tenure, das heißt, er kann nicht entlassen werden, und so kann er sagen, was er will. Ich habe nicht gehört, daß er wie ein Proletarier lebt ... Alles Kitsch. Nun, das sind einige bissige Bemerkungen zu dem Aufsatz von Krüger, und wenn sie zu bissig sind, pardon."

Der Verfasser dieser Zeilen wurde 1904 in Merseburg als Sohn eines Arbeiters geboren; er schrieb "Stimme aus den Leunawerk" 1930 als sein zweites Buch. So war er mit 25 eine große Hoffnung der literarischen Linken. "Das ist ganz großartig", schrieb Tucholsky: "Hier ist alles, aber auch alles, was unsereiner immer sucht und so selten findet: Empfindung, ein Herzenston. Abwesenheit jeder Sentimentalität, voll von echtem Gefühl."

Bauer studierte in Halle Germanistik und wurde Volksschullehrer. Das war damals ein anderer Beruf als der des heutigen Lehrers an "Grund- und Hauptschulen", gefüllt mit dem Anspruch der Erziehung, die Kant die schwierigste Aufgabe genannt hat, die dem Menschen zufallen kann. Zum "Auszubildenden gehört der Ausbilder, nicht der Lehrer. Lehrer ist ein sympathischer Beruf." Bauer blieb diesem Pathos treu. Er brachte sich mehr schlecht als recht durch die Nazizeit, diente in der Wehrmacht und veröffentlichte Tagebücher aus Frankreich und Rußland.

Aus der Kriegsgefangenschaft kehrte er nach München, dann nach Stuttgart zurück, weder ein Emigrant, noch ein Autor, der in die bundesdeutschen Neuanfänge sich fügen konnte. Es paßte nicht in die Landschaft, daß Bauer im Malik-Verlag begonnen hatte. Es paßte nicht, daß er im Dritten Reich geschrieben hatte, und, nach der kurzen Wiederbelebung der Aufklärung und des deutschen Idealismus in den Jahren vor der Währungsreform 1948, paßte auch nicht, daß Bauer die deutsche Nachkriegsproduktion an den deutschen Klassikern maß. Max Tau hat mir in Oslo einmal gesagt, auf Bauer treffe Camus’ Diktum zu, "schreiben heißt, sich zu distanzieren". Wahrscheinlich war dies das Schlüsselwort für die Bauersche Produktion von Anbeginn bis zu dem zitierten Brief aus Toronto 1976. Tau hatte Walter Bauer 1935 bei Bruno Cassirer verlegt.

Leider übergeht der Herausgeber und Freund Bauen, Otto Röder, in seinem Vorwort die Lebens- und Leidensumstände des Dichters in den Jahren vor seiner Auswanderung nach Kanada. Sie würden für uns alle, die wir unmittelbar nach 1945 geschrieben und redigiert haben, von Interesse. Denn, wenn die Deutschen nach 1945 die Chance des Neubeginns verpatzt haben sollten, wie der Soziologe Alfred Weber 1949 unterstellte, dann haben nicht nur die Politiker versagt...