Die Pleite des Nähmaschinenherstellers Riccar alarmiert ausländische. Banken

Als wir einmal die Bilanzen unserer japanischen Kreditkunden genauer prüfen wollten, zeigte man sich sehr entrüstet über die Unterstellungen möglicher Krisen", erzählt der Filialleiter einer großen deutschen Bank in Tokio. "Uns wird immer erklärt, die Japan AG‘ sei durch ein dichtes Sicherungsnetz geschützt und lasse niemand verkommen."

Jetzt hat dieses Netz Löcher bekommen. Im ersten Halbjahr 1984 mußten über zehntausend japanische Firmen mit Schulden von 1725 Milliarden Yen (rund 20,3 Milliarden Mark) das Konkursgericht bemühen – ein neuer Nachkriegsrekord. Aber obwohl sich darunter so bekannte Großfirmen wie das Handelshaus Osawa und der Kamerakonzern Mamiya befanden, wiegelten die Industrie-Manager in Japan ab. Die Zusammenbrüche seien untypisch für die Wirtschaft des Inselreichs. Denn Osawa habe zwischen den Banken und Industrieimperien jongliert; als die Geschäfte dann schlecht liefen, fühlte sich niemand angesprochen und eilte keine Hausbank zu Hilfe. Die großen Firmenimperien würden so etwas auffangen.

Seit Montag dieser Woche gilt auch das nicht mehr. Denn da mußte der einst marktführende Nähmaschinenhersteller des Inselreichs, die ehrwürdige Riccar Company, ihre Zahlungsunfähigkeit eingestehen. Die Riccar-Pleite ist mit Schulden von rund 1,5 Milliarden Mark der drittgrößte Kollaps in Japan nach dem Krieg. Die Aktienkurse und der Yen sackten in Tokio auf Jahrestiefststände.

Bei dieser Pleite nun steht nicht nur das Mismanagement eines Unternehmens zur Debatte, sondern die japanische Industrie selbst sieht sich am Pranger. Riccar galt als Mitglied einer der großen Konglomerate – und erfreute sich bis zuletzt allein aus diesem Grund bester Bonität. "Riccar dementiert Gerüchte über finzanzielle Sorgen", lautete noch Mitte letzter Woche eine Schlagzeile des Wall Street Journals. Da allerdings hatten die beiden Hausbanken, die Mitsui Bank und die Long-Term Credit-Bank, bereits ihre Delegierten aus dem Riccar-Vorstand abgezogen und dem Unternehmen signalisiert, weitere Finanzhilfen seien nicht zu erwarten.

Die Sensation war damit perfekt: Obwohl die beiden Hausbanken samt ihren Gruppen rund fünfzehn Prozent des Riccar-Kapitals nahen, sahen sich die beiden Finanzinstitute außerstande, den abgewirtschafteten Marktführer von einst weiter künstlich am Leben zu erhalten. Denn innerhalb des Mitsui-Konglomerats kriselt es bei einer Reihe von Unternehmen ebenfalls. Außerdem hat die Gruppe noch immer an der vier Milliarden Dollar teuren Fehlspekulation im Iran zu tragen.

Jetzt aber stellen alle Auslandsbanken in Tokio die Vertrauensfrage. Die Kreditvergaben an japanische Firmen mit fester Hausbank und Zugehörigkeit zu einem führenden Industrieimperium des Landes müssen überprüft werden. "Wir verfügen in Japan über keine Möglichkeit zu einer aussagefähigen eigenen Bilanz- und Risikobewertung", heißt es in einem internen Bericht einer deutschen Bankfiliale in Tokio an die heimatliche Zentrale. Dafür sorgen Bilanzierungsvorschriften, die mehr der Aufpolierung der in- und ausländischen Reputation als der Bilanzwahrheit dienlich sind. "Wir sind auf die Garantien der Inlandsbanken und auf die Sicherungsnetze des Systems angewiesen", heißt es in dem Bericht weiter.