Von Inge Helm

Als uns das Fährschiff im neuen Hafen von Portoferraio an Land spuckt, gießt es in Strömen. Doch wir sind fest entschlossen, die Besichtigung von Elbas größtem Ort sofort in Angriff zu nehmen. Mit Regenmantel und Schirm bewaffnet spazieren wir über den Gallo-Kai zum alten Hafen hinüber, der heute ausschließlich den Segelbooten und Yachten der Touristen aus allen Ländern vorbehalten ist. Portoferraio ist auf einer felsigen Anhöhe mit zwei Gipfeln, der Falkenfeste und der Sternfeste, erbaut, dazwischen liegt die Villa dei Mulini, die ehemalige Stadtresidenz Napoleons I. Doch wir lassen sie und Frankreichs größten Feldherrn mitsamt den Andenkenläden und konterfeiverzierten Kannen, Töpfen, Kopftüchern und T-Shirts links liegen und wenden uns dem historischen Stadtkern zu. Der hat sich bis heute seinen dörflichen Charakter mit engen Gassen alten Häusern und blumengeschmückten Balkons erhalten.

Portoferraio bedeutet Eisenhafen und erinnert daran, daß das Eisenerz, das man wahrscheinlich schon seit dem 8. Jahrhundert v. Chr. auf der Insel verhüttete, von hier aus verschifft wurde. Eisengruben gibt es heute noch in Rio Marina, Rio nell’ Elba und Capolivieri.

Trotz des glutvollen Sonnenuntergangs am ersten Abend, vermiesen uns heftige Regenschauer immer wieder das ersehnte Strandleben. So beschließen wir, nolens volens, uns kulturhistorischen Dingen zuzuwenden. Aber nicht dem allgegenwärtigen Napoleon wollen wir nachspüren, sondern wir nehmen uns vor, auf etruskischen und pisanischen Pfaden zu wandeln.

Von den ersten Einwohnern Elbas weiß man kaum etwas. Sicher aber ist, daß die Etrusker während der Bronzezeit die Insel in Besitz nahmen. Zahlreiche Funde, die auf das 5. und 6. Jahrhundert v. Chr. zurückgehen, dokumentieren das. Auf der Suche nach den Ausgrabungen der letzten Jahre fahren wir die kurvenreiche Straße über Biodola mit seinem schönen Sandstrand nach Procchio. Das Land um Procchio ist äußerst fruchtbar. Weinfelder werden unterbrochen von Anbauflächen für Artischocken, Zwiebeln und dicke Bohnen. In Marmi parken wir unser Auto und setzen unseren Weg zur etruskischen Siedlung Monte Castello zu Fuß fort. Doch auf dem Monte sehen wir vor lauter allesüberwuchernder Macchia, einem schier undurchdringlichen immergrünen Buschwald, keinen noch so winzigen etruskischen Stein. Erst, als wir mit den vorsorglich mitgebrachten Messern mühsam das Buschwerk an ein paar Stellen niedergemacht haben, stoßen wir endlich auf ein paar kümmerliche Mauerreste.

Nun setzen wir all unsere Hoffnung auf die Ausgrabungen am Monte Castiglione di San Martino. Wir nehmen die Straße über Portoferraio und die "Valle delle Ceramiche", ein Freilichtmuseum des elbanischen Künstlers Italo Bolano. San Martino, die Sommerresidenz Napoleons I., lassen wir zur Abwechslung rechts liegen und marschieren den Weg hinauf zum Monte Castiglione di San Martino, auf dessen Spitze wir die ausgegrabene etruskische Siedlung finden. Die Archäologen haben im nördlichen Teil eine hohe Stadtmauer freigelegt sowie die rechtwinkligen Mauerreste der Fundamente ehemaliger Häuser. Die Gesamtfläche der Siedlung soll ungefähr 3600 Quadratmeter betragen.

Von den Etruskern wechseln wir zu den Pisanern. Wir besuchen die Fluchtburg Volterraio, die oberhalb der Bucht von Portoferraio liegt und nur über eine schmale, kurvenreiche und unbefestigte Straße zu erreichen ist. Man nimmt an, daß die Etrusker aus Volterra sich zuerst auf dem Felsen. niederließen. Als dann im 11. Jahrhundert die Insel Elba unter die Herrschaft Pisas kam und immer wieder gegen die Einfälle sarazenischer Seeräuber geschützt werden mußte, bekam der Pisaner Vanni di Gherardo Rau 1284 den Auftrag, hier oben eine Fluchtburg für die ständig gefährdeten Bewohner der Küste zu bauen. Die ehrwürdigen Überreste der ältesten Festung aus der Vergangenheit Elbas beherbergen heute nicht nur gut zu erkennende Wehrgänge und -türme, Kellergewölbe und Wohnteile sowie die Ruine einer kleinen Kapelle, sondern auch die Brutstätten der gefährlichen Aspisvipern.