Von Hans-Jürgen Heise

Ein paar Jahre lang, nach ihrer Übersiedlung aus der DDR in die Bundesrepublik, stand Christa Reinig im Rampenlicht unseres kulturbetrieblichen Interesses. Das war in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, als man der Autorin den Bremer Literaturpreis, den Hörspielpreis der Kriegsblinden und den Tukanpreis der Stadt München verlieh und als man ihr ein Stipendium in der Villa Massimo gewährte, einen Aufenthalt in Rom, der südliche Sujets und Stimmungen in neu entstehende Verse brachte, die in dem Band "Schwalbe von Olevano" zusammenfanden.

Christa Reinigs wesentliche Impulse kamen und kommen jedoch nicht aus bestimmten Regionen, sondern aus ihrem Inneren: "Von kindheit an / schreib ich das buch / das es nicht gibt / das ich bin." Diese Redlichkeit, nach dem eigenen Wesen zu fragen, charakterisiert die Poetin, die sich ihre Stichworte nicht beim Zeitgeist holt, sondern bei sich selbst, in ihren Vorstellungen vom Leben.

Der Wunsch, sich mit Sprache zu beschäftigen, war schon beim Mädchen Christa da. Ein geradezu mythisches Verlangen zu "studieren", war nichts anderes als der Drang, in unbekannte Dimensionen der Selbstvergewisserung vorzustoßen. Lektüre und eine durch Lektüre-Erlebnisse aktivierte Phantasie setzten den Schreibprozeß in Gang. Und nach Phasen der Imitation und des Ausprobierens entstanden schließlich jene Gedichte, die Christa Reinig berühmt gemacht haben, die frechen und aggressiven Texte der kleinen Sammlung "Die Steine von Finisterre".

Das Buch kam 1960 in der Eremiten-Presse heraus, in demselben Verlag, der immer wieder Gedichtbücher und andere Arbeiten der Autorin publiziert hat und der nun – in schöner Ausstattung – sogar das ganze lyrische Œuvre vorlegt

Christa Reinig: "Sämtliche Gedichte", mit einem Vorwort von Horst Bienek; Verlag Eremiten-Presse, Düsseldorf, 1984; 272 S., 38,–DM.

Der Band enthält, neben einem poetologischen Rechenschaftsbericht der Dichterin, die Nonsens-Verse der Folgen "Schwabinger Marterln" und "Kalendersprüche", zwei heitere und vergleichsweise marginale Zyklen, denen ein fiktiver Spaß voransteht: Das kleine Werk "Papantscha Vielerlei", das, seinem pfiffigen Untertitel zufolge, "Exotische Produkte Altindiens" zugänglich macht und das erkennen läßt, wie geistvoll-durchtrieben diese 1926 geborene Berlinerin ist, die nach 1964 heimisch wurde im Umkreis Münchner Schlitzohrigkeit.