Wie eine Position erobert wird / Von Peter Baraban

Dr. B., verheiratet, zwei Kinder, 38 Jahre alt und noch für ein Vierteljahr in befristeter Stellung wird in diesen Tagen Mühe haben, seiner Wut Herr zu werden. Die Ursache dieser Wut? Er hat sich vergeblich um eine offene Stelle in N. beworben. Gewiß, eine Ablehnung allein ist kein Grund zur Wut, das passiert bei der heutigen Arbeitsmarktlage täglich – aber die Umstände, unter denen ihm das passiert ist, die sind ein Grund zur Wut. Er hat sie durch einen Zufall erfahren, und er fürchtet, sie seien symptomatisch für die Verhältnisse in der Bundesrepublik: Darüber wäre zu reden.

In der kreisfreien Stadt N., 67 000 Einwohner, Sitz eines Städtebundtheaters, eines eigenen Symphonieorchesters und auch sonst mit kommunalen Kultureinrichtungen gut ausgestattet, hat sich herumgesprochen, daß die Stelle eines Direktors – aus Gründen der Tarnung sei das XY-Institut verschwiegen – in Kürze vakant wird, der jetzige verdiente Leiter scheidet aus Altersgründen aus.

In den Fraktionsräumen der Parteien wird beschlossen, daß man diese Position verteidigen beziehungsweise erobern müsse. Wie gut, daß man sich im Prinzip einig ist: Bei gleichem Sachverstand entscheidet – nein, nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Partei, wo denken: Sie hin! – es entscheidet eine gewisse, besondere, nicht näher zu diskutierende spezielle Eignung. Und weil man sich einig ist, trifft man hinter vorgehaltener Hand ein Abkommen, verschwiegen wie die Unterhändler im Tarifkampf: Die eine Partei besetzt mit einem sehr geeigneten Kandidaten den einen Posten, die Direktorenstelle am XY-Institut, dafür bekommt die andere Partei in absehbarer Zeit, sagen wir, den städtischen Schlachthof als Interessensgebiet – manus lavat manum.

Dagegen ist nichts einzuwenden, könnte man sagen, selbst wenn man bedenkt, daß jede Stelle im öffentlichen Dienst, um gerade solche Absprachen zu verhindern, öffentlich ausgeschrieben werden muß. Soll sie doch ausgeschrieben werden: Geeigneter als diese beiden Kandidaten wird niemand sein – wetten?

Die Beiräte tagen, und während Dr. B. sondiert, ob er für diesen Posten in Frage kommt (er fragt den jetzigen Inhaber der Stelle, er erkundigt sich beim Dezernenten, ob es schon einen Kandidaten gäbe und ob es sich um eine Scheinausschreibung handele), einigen sich die Mitglieder des städtischen Kulturausschusses, prestigebewußt und vorausschauend, wie sie sind, wenn auch blind gegenüber den menschlichen Konsequenzen, die Stelle auszuschreiben.