Die Zeichen der Zeit verraten kein eindeutiges Profil. Das Titelbild des Buches weiß es geradezu symbolhaft zu vermitteln: Plexiglaskugel mit rotierenden Propellern – alles verschwimmt vor den Augen des Betrachters zu einer undefinierbaren Motorik vor düsterem Hintergrund. Was also bleibt, sind unscharfe Konturen. Solche Zeiten des Übergangs bergen für den Analytiker besondere Schwierigkeiten: Die Kulissen von gestern stehen teilweise nach wie vor; das Heute läßt sich noch nicht durch ein spezifisches Charakteristikum fixieren; das Morgen wird zum diffusen Zielpunkt besorgter oder hoffnungsvoller Fragen. Kassandrahafte Bedrohlichkeiten verquicken sich mit harmonischen Kontinuitäten; Fragwürdigkeiten stehen neben ratlosen Normalitäten. In solchen Zeiten ist die Fähigkeit zur Einordnung und Zuordnung gefordert; nach Orientierungsleistung wird verlangt.

Christian Graf von Krockow hat dazu einen Wegweiser für das moderne Leben entwickelt. Keine systematische Gesellschaftsanalyse, keine theorieorientierte Abstraktion erwarten den Leser, vielmehr locker arrangierte Impressionen zu den Innenansichten unserer Gesellschaft. Die Situationen jenseits der spektakulären Ereignisse großer Politik werden – sensibel aufgegriffen – zum Zugang zu den Tiefendimensionen unseres sozialen Lebens. Von dem protzig-gewichtigen Hinweis auf den überfüllten Terminkalender als unverzichtbarem Statussymbol über die inflatonisch wachsende Verwendung der Begriffe "Wertewandel" und "Identität", bis hin zur Glossierung der Anstrengungen für die Faulheit – Krockow gibt den Problemen eine neue Farbe, indem er die Autorenfeder leicht über das Manuskriptblatt huschen läßt, voller ironischer Anspielungen, voller humoriger Verweise. Man hört den Amtsschimmel wiehern und lernt den Schildbürgerstreich als Alltagsinstrument der Politik kennen.

Gewissermaßen über die Hintertreppe gelangen wir zu Grundfragen der gesellschaftlichen Ordnung: Nutzen und Lasten von Konventionen werden ebenso skizziert wie die humanen Qualitäten des Feierns. Die Paradoxie von der ungeselligen Geselligkeit, die schon Immanuel Kant bewegt hat, wird in das Bild Arthur Schopenhauers von den frierenden Stachelschweinen übersetzt. Sie rücken zusammen, um sich zu wärmen. Aber damit treiben sie sich schmerzhaft die Stacheln ins Fleisch. Sie brauchen die Nähe so dringend wie die Distanz.

Die Widersprüchlichkeiten unserer Zeit kann Krockow natürlich nicht aufheben; aber er macht sie transparenter – ohne die herkömmliche Schwermut und den traditionellen akademischen Ballast, der sonst Bücher zum angesprochenen Themenkreis kennzeichnet. Kurz gesagt: Eine amüsante Lektüre, die nachdenklich stimmt.

Werner Weidenfeld

Christian Graf von Krockow: "Der Wandel der Zeiten – Wegweiser durch das moderne Leben"; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1984; 192 S., 24,– DM.