Von Aloys Behler

Wenige Stunden prickelnder Erwartung noch, und es wird uns ein olympisches Licht aufgehen im heiligen Hain von Los Angeles. Die Flamme, entzündet unter der griechischen Sonne, kreuz und quer über den amerikanischen Kontinent getragen zum Kilometerpreis von 3000 Dollar, ist ans Ziel gebracht; kein zorniger Gott hat sie unterwegs ausgeblasen. Nicht einmal, als der oberste kalifornische Höllenengel sie gemietet hatte für einen Kilometer inmitten seiner rasenden Kohorte.

Die trainierte Jugend eines größeren Teils der Welt feiert die Spiele der XXIII. Olympiade. Spiele, denen nicht viel Gutes vorausgesagt wurde, vielleicht nicht viel Gutes nachgesagt werden wird. Die boykottierten Spiele, die kommerzialisierten Spiele, die kapitalistischen Spiele (siehe auch Seite 44). Beim Zeus: am Ende gar keine richtigen Olympischen Spiele? Was immer an Ressentiments zu mobilisieren war, hat man Los Angeles auf seinen breiten Buckel geladen. Es ist die hohe Zeit der Heuchler.

Wer hinter dem Spektakel die olympische Idee sucht, für die einzutreten die Heuchler vorgeben, wird sie in Los Angeles ebensogut oder ebensowenig finden wie an jedem anderen Ort. Was ist die olympische Idee? Das weiß im Ernst kein Mensch. Verbindlich steht es nirgendwo geschrieben. Und an die vage formulierten einschlägigen Phrasen ihrer Charta halten sich nicht einmal die Gralshüter vom Internationalen Olympischen Komitee. Es wird interpretiert nach Gutdünken und politischem Kalkül.

Wer den Machern in Los Angeles vorwirft, sie vermarkteten mit dieser Olympiade nach Disney-Art und von McDonald’s Gnaden den olympischen Geist, der argumentiert bösartig oder hoffnungslos naiv. Da wir ohnehin nicht wissen, worin er sich denn zeigt, der olympische Geist, kann er uns recht sein, auch wenn er aus der Spraydose kommt. Als Los Angeles das Wohl seiner Spiele aufs Big Business gründete, hatte die olympische Bewegung ihre fünf Ringe schon längst gewinnträchtig auf den Markt geworfen. Wer regt sich da auf? Coubertin in Ehren: Sein neuhumanistisches, an den alten Griechen orientiertes Bildungsideal hat dem Massenspektakel nicht standgehalten.

Nein, Olympia ist kein Spielplatz für Amateure. Hier ist, in jeder Hinsicht, der Vollzeit-Athlet gefragt, der Hochleistungsartist. Keiner, der sich dem sportlichen Schaugeschäft nicht mit Leib und Seele verschreibt, auch um den Preis seiner leiblichen und seelischen Gesundheit, hat eine Chance auf dieser Muskelmesse, eine "Endkampfchance", wie die Leistungsmanager hierzulande das Kriterium der Zulassung umschreiben. In Los Angeles dürfen zum ersten Mal auch Fußballprofis, hochbezahlte Bundesligaprofis, am olympischen Turnier teilnehmen. Keine Hand hat sich zum Protest gerührt. Und das ist, nun endlich einmal, ehrlich.

Noch sind Amateure nicht ausgeschlossen. Man kann sie noch finden, diese edlen Ritter und selbstlos sich quälenden Helden in einigen Disziplinen am Rande. Doch mit ihnen allein ließen sich Olympische Spiele heute nicht mehr veranstalten, jedenfalls nicht solche, für die die Götter der Television einen Dollar lockermachen und für die wir, Hand aufs Herz, uns interessieren würden. Der Amateur, ein Stichwort, an dem die Apologeten olympischen Geistes sich jahrzehntelang hochhangelten, ist olympisch tot. Der unaufhaltsame Fortschritt entlarvte ihn als gigantisches Mißverständnis. Auch die alten Griechen siegten nicht umsonst.